Ärztenetze

„Ärztenetze finden hohen Zuspruch bei der Politik!“

PERSPECTIV-Gespräch mit Geschäftsführer Dr. Thomas Huth vom Gesundheitsnetz Unna über die Zukunftsaussichten von Netzarbeit.

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Das Gesundheitsnetz Unna GmbH ist eine starke, innovative Gemeinschaft. Ihre gut funktionierenden, geförderten Versorgungsprojekte und weitere Angebote bestätigen die hohe Patientenzentrierung des Ärztenetzes, das zurzeit 82 Mitglieder bzw. Gesellschafter umfasst. PERSPECTIV sprach mit dem Geschäftsführer der Netz-GmbH, Dr. Thomas Huth, FA für Allgemeinmedizin in Fröndenberg/Ruhr: „Die Netze erfahren heute immer mehr Zuspruch aus der Politik; diese verstärkte politische Akzeptanz macht Mut und eröffnet neue Perspektiven“, ist er überzeugt.

Dr. Thomas Huth

Dr. Thomas Huth

Dem Gesundheitsnetz gehören niedergelassene Haus- und Fachärzte, Zahnärzte und Apotheker der Stadt und Region sowie das Katharinenhospital und das Evangelische Krankenhaus Unna an. Aus dieser vernetzten, fachübergreifenden Kooperation zusammen mit jeweils weiteren Spezialisten aus der Region bildet sich dann für den Patienten sozusagen ein Behandlungsteam. Die Netzärzte ermitteln und definieren die sinnvollsten Behandlungsschritte in möglichst kurzer Zeit. Doppeluntersuchungen werden vermieden. Gemeinsam wird eine optimale, möglichst hohe qualitative Versorgung erreicht, und das bei kürzeren Wegen und möglichst geringeren Kosten.

Das Gesundheitsnetz Unna geht auf das Jahr 2000 zurück, als sich regionale Ärzte zunächst in Vereinsform vernetzten, um – ähnlich wie anderenorts in Deutschland – der damals politisch gewollten Entmachtung der KV entgegenzuwirken und mit bundesweiten Protestaktionen gesundheitspolitisch neue Signale zu setzen. Versorgungsverträge mit Kassen ohne die KV bei Zielvorgabe einer verbesserten regionalen Patientenversorgung standen damals schon im Vordergrund. Unter dem Einfluss, den die Ärzte mit beispielhaften Projekten der Patientenversorgung auf die Gesundheitspolitik ausüben konnten (auch wechselten zwischenzeitlich die Regierung und Führung des Bundesgesundheitsministeriums) änderten sich die Strukturen und Möglichkeiten durch das SGB V.

Die reformierten Rahmenbedingungen und die Neuregelung des Wettbewerbs führten 2009 zur Umfirmierung des Gesundheitsnetz Unna zur GmbH. Thomas Huth: „Nur in einem organisatorisch gesicherten, verlässlichen Bündnis mit effektivem Management in einer Geschäftsstelle haben Ärzte die gemeinschaftliche Chance, als starke Verhandlungs- und Vertragspartner gegenüber Krankenkassen und anderen Leistungserbringern aufzutreten“. Das habe in Unna zu ersten IV-Verträgen der Netzärzte mit Barmer und AOK bezogen auf eine optimierte Versorgung von Pflegepatienten geführt. Über die Sonderverträge werden z. B. die Notfallversorgung in den beteiligten Pflegeheimen verbessert; nicht notwendige Transporte ins Krankenhaus sowie die damit verbundenen Belastungen für den Patienten werden vermieden.

Vier Jahre später entwickelte sich aus diesen Verträgen unter Vorgabe des Gesundheitsministeriums NRW das zurzeit laufende, auf zwei Jahre angelegte Modellprojekt nach § 73a SGB V. Hierbei haben das Gesundheitsnetz Unna unter Einbeziehung der KVWL mit diversen Kassen einen Vertrag zur „Weiterentwicklung der Strukturen bei der Versorgung von Pflegeheimbewohnern“ geschlossen. Thomas Huth: „Tritt abends oder am Wochenende ein gesundheitliches Problem auf, dann wird nicht mehr gleich der Rettungswagen gerufen und der Patient ins Krankenhaus eingeliefert, sondern zunächst entscheidet der diensthabende Kollege des Gesundheitsnetzes telefonisch oder vor Ort über das weitere Vorgehen“.

Für die Pflegeheimbewohner bedeutet dieses integrierte medizinische Versorgungsmodell eine optimale Betreuung auch während der sprechstundenfreien Zeiten der Ärzte. Sichergestellt ist damit, dass die Pflegeheime in Unna, Kamen und Fröndenberg in Notfallsituationen und schwierigen Krankheitsfällen auch dann einen diensthabenden Arzt anrufen können, wenn der betreuende Hausarzt nicht zu erreichen ist. Seit 2014 wurden mehr als 500 Pflegeheimbewohner eingeschrieben, berichtete Thomas Huth. Insgesamt beteiligen sich im genannten Bereich zurzeit 15 Pflegeheime. 24 Hausärzte des Netzes haben sich verpflichtet, abwechselnd im Jahr eine Woche lang nach Abschluss der Sprechstunde und am Wochenende für die eingeschriebenen Bewohner der Pflegeheime bereit zu stehen. Neu ist ein zusätzliches Projekt bei der Versorgung von Schmerzpatienten in Pflegeheimen. Hierbei ist ein Konzept zur AMTS geplant, das in Pflegeheimverträge integriert werden soll, d. h. mit dem Ziel einer sicheren medikamentösen Behandlung von kritischen Patienten in fachübergreifender ärztlicher Kooperation zusammen mit Apotheken.

Insgesamt wirkt sich das Netz-Engagement für Pflegepatienten in Unna und Umgebung mehrfach positiv aus. „Unsere Vertragsprojekte bieten den Patienten und Pflegekräften die Sicherheit einer zügigen Betreuung – das ist nicht nur beruhigend für die Patienten, es verbessert auch die Qualität und Effizienz der medizinischen Versorgung“, so Thomas Huth.

Regional bekannt ist den Patienten die medizinische Kooperation durch den Begriff „Mein Gesundheitsnetz“ mit einem entsprechenden Internet-Portal. Jeder Nutzer bzw. die Patienten der Netz-Mitglieder erhalten schnellen Zugriff auf alle Behandlungen und Therapien, die von den betreuenden Ärzten definiert worden sind. Patienten erhalten zeitnah Facharzttermine, was die neue gesetzlich „verordnete“ Terminservicestelle quasi unnötig macht. Auch können externe Spezialisten schneller in Behandlungsprozesse eingebunden werden. Zudem hat das Netz für chronische Erkrankungen sowie für Schlaganfall-, Herz- und Kreislauferkrankungen einheitliche, für die Mitglieder verbindliche Behandlungswege, Medikationspläne und Rehabilitationsmaßnahmen erarbeitet. Die Effekte aller Projekte: Kosten im Gesundheitssystem werden reduziert sowie die prozessualen Abläufe fachlich und zeitlich Hinsicht zugunsten der Patienten optimiert.

Geschäftsführer Thomas Huth jetzt sieht große Chancen, aufgrund der neuen Förderrichtlinien (§ 87 b) für Netze weitere innovative Strukturen in der regionalen Versorgung realisieren zu können. So ist das Gesundheitsnetz Unna von der KVWL seit 2014 anerkannt. Seit 2015 wird es mit 100.000 Euro jährlich gefördert (als eines von 13 Netzen im KVWL–Bereich). Huth: „Dadurch verstärkt sich unsere Netzarbeit, mehr Ärzte bringen sich engagiert ein.“ Dieses wachsende Engagement bringe allgemein Anerkennung; das sei auch ein Prestigegewinn für die vernetzten medizinischen Aktivitäten.

Populär ist in Unna ist die regelmäßige sogenannte Abendsprechstunde für Patienten und interessierte Bürger, die von „Mein Gesundheitsnetz“ an jedem ersten Montag im Restaurant Ölckenthurm angeboten wird. Hierbei informieren Ärzte und andere Experten jeweils einem speziellen Gesundheitsthema. Nach einer fachlichen Einführung durch die Fachleute können die Teilnehmer in lockerer Atmosphäre Fragen stellen, Erfahrungen austauschen und sich beraten lassen. Die jüngsten Vorhaben des Netzes sind Schulungsprojekte zu Diabetes, Asthma und COPD. Für Schulungen und Vorträge steht das „Medical Center“ in der Nähe des katholischen Krankenhauses zur Verfügung, das das Gesundheitsnetz auf rund 180 qm Fläche betreibt. Außerdem ist aktuell eine engere EDV-Vernetzung für die Mitglieder geplant.

Thomas Huth begrüßte, dass der beabsichtigte Strafparagraph (299 a/b) voraussichtlich keine Einschränkungen für die vernetzte Arbeit mit sich bringt. „Gewünschte und gewollte Kooperationen der Praxis- und Ärztenetze, die sich auf eine projektierte regionale Patientenversorgung beziehen, könnten demnach auch von Pharmaunternehmen und anderen externen Leistungsanbietern unterstützt werden, und zwar nicht durch Geldzahlungen oder Gegenleistungen, sondern durch flankierende Projektunterstützung, wie die Bereitstellung von Knowhow.“ 

Kontakt:
http://mein-gesundheitsnetz.com/
Gesundheits-Netz-Unna GmbH
Büro Netzwerk, Weidenweg 80, 59423 Unna
Tel. 02303 / 929348

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