Ärztenetze

Ambulantes Expandieren der stationären Versorger!

Niedergelassene Ärzte weisen auf den Trend der unrechtmäßigen Ausweitung ambulanter Tätigkeiten durch Krankenhäuser hin.

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Dr. Arne Meinshausen

Dr. Arne Meinshausen

Die Ärztliche Qualitätsgemeinschaft Witten GmbH (ÄQW) ist seit Jahren wegen des ambulanten Expansionsverhaltens regionaler Krankenhäuser besorgt, wie es gleichfalls anderenorts festzustellen ist (vgl. PERSPECTIV Gesundheitspolitik „Task Force Freiheit für Ärzte“). Die ÄQW-Geschäftsführung in Person der niedergelassenen Ärzte Dr. Arne Meinshausen und Dr. Frank Koch hat bereits einige Gespräche mit Verantwortlichen geführt. So wurden in 2014 der KVWL und der ÄKWL mehrere auffällige Einzelfälle vorgetragen, in denen regionale Krankenhäuser ihre stationären Aufnahmezahlen durch – nach Meinung der ÄQW – unrechtmäßige Ausweitung ihrer ambulanten Tätigkeit vermehrt haben.

Hier wesentliche Auszüge aus der Stellungnahme der beiden Geschäftsführer, wie sie im Newsletter der ÄQW veröffentlicht wurde: In der Regel dient den Krankenhäusern die Ausweitung des ambulanten Tätigkeitsfeldes zur Rekrutierung von stationären Fällen (DRG). Aus früheren Verhandlungen mit den Kostenträgern wissen wir, dass die Einweisungsumstände und stationären Aufnahmegründe für alle Beteiligten – außer für das aufnehmende Krankenhaus – zu mindestens in 50 Prozent der Fälle unklar sind. Es gibt keine verlässliche (öffentliche) Statistik zur Höhe der Selbsteinweisungen, Notfallaufnahmen und vertragsärztlichen Einweisungen eines Krankenhauses. Selbst die Einweisungsdiagnosen sind überwiegend unklar. An diesem völlig intransparenten Einweisungssystem will die ÄQW mit einer gemeinsamen Aktion der Vertragsärzte, KVen, Kostenträger und Politik rütteln.

Intransparente Einweisungsstatistik – Gefahr für die ambulante Medizin

Vielen Verantwortlichen im Gesundheitssystem ist nicht bewusst, dass vollständige Hintergrundinformationen zu einer stationären Einweisung nur dem jeweils aufnehmendem Krankenhaus zur Verfügung stehen. Statistisch zugänglich sind nur in jedem zweiten Fall Informationen zur Einweisungsform (durch Vertragsarzt, Notfall, Selbsteinweisung des Krankenhauses u.a.) und zu Einweisungsdiagnosen.

Warum ist diese Intransparenz für die ambulante Medizin gefährlich? Die Finanzierung der ambulanten Medizin ist ein in sich abgeschlossenes System. Die Krankenkassen zahlen „mit befreiender Wirkung“ einen jährlich neu verhandelten Gesamtbetrag und erhalten hierfür eine ambulante „Behandlungs-Flatrate“ für ihre Versicherten. Die stationäre Medizin wird über Behandlungsfälle (DRG) finanziert.

Diese besonderen Finanzierungsanreize haben in den letzten Jahren zu massiven Umstrukturierungsmaßnahmen in den Krankenhäusern geführt. Es finden Klinikzusammenschlüsse mit sich ergänzenden und gegenseitig zuweisenden Abteilungen statt; es werden Kliniken ausgerichtet auf bestimmte lohnende DRG, die kurzfristig und in großer Stückzahl durchführbar sind (z.B. Coronarangiographie, Knie- oder Hüft-TEP). Häufig erfolgen Selbsteinweisungen durch Krankenhausambulanzen oder krankenhausabhängige Praxen bzw. eigene MVZ. Auch die an einem Krankenhaus stationierten Notdienstpraxen der ambulanten Versorger sind ideale „Einweisungsportale“ der jeweiligen Klinik.

Das Gefährliche an dieser Entwicklung ist die ungleiche Expansionsmöglichkeit der beiden medizinischen Versorgungsachsen. Der einzelne Vertragsarzt, der seine Patientenzahl steigert, wird aus dem gedeckelten System von seinen Fachkollegen finanziert. Ein Krankenhaus, das durch geschicktes Agieren seiner DRG-Optimierer die Anzahl und Wertigkeit seiner stationären Fälle steigert, hat einen direkten finanziellen Vorteil zu Lasten des Gesamtsystems. Neue gesetzliche Bestimmungen zwingen den Vertragsarzt, im Falle einer stationären Behandlungsnotwendigkeit, unter allen regional möglichen Versorgern – auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten – die optimale Behandlungsform auszuwählen. Das neue VSG geht sogar noch einen Schritt weiter. Zukünftig soll der Vertragsarzt in seinem gesamten Verordnungsverhalten – somit auch in Bezug auf seine stationären Einweisungen – unter Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten überprüft und gegebenenfalls sanktioniert werden. Im Gegenzug werden Krankenhäuser, die ihre Behandlungsfälle unangemessen vermehren, weiterhin weder überprüft noch sanktioniert.

Aufgrund der völlig intransparenten Einweisungshintergründe ist – selbst wenn es politisch gewollt wäre – einem Krankenhaus ein unwirtschaftliches Vorgehen überhaupt nicht nachzuweisen. Alle Einweisungsgründe sind in einer „Black Box“ verschwunden und nicht überprüfbar. Im Gegenzug soll die ambulante Medizin abgestraft werden, wenn sie die Expansion der stationären Medizin durch angeblich unwirtschaftliche Einweisungen fördert (!) Aus diesem Grund müssen die Vertragsärzte eine absolute Transparenz der Einweisungshintergründe einfordern. Weiterhin ist es sicher zielführend, die Kliniken zur Mitteilung der Einweisungsdiagnose zu verpflichten, um den Weg eines DRG-Falles von der Einweisung bis zur Entlassung nachverfolgen zu können (Stichwort „Upcoding“). Auf diese Weise kann bei einer festgestellten offensichtlichen Unwirtschaftlichkeit im Einweisungsverhalten primär das Krankenhaus als einziger Nutznießer überprüft werden. Eine deutlich über dem Durchschnitt liegende Selbsteinweiser-Quote oder „Notfall“-Quote sollte – ähnlich wie in der ambulanten Medizin – mit DRG-Abschlägen sanktioniert werden.

Die ambulante Medizin hat jetzt die Verpflichtung, sich mit allen Mitteln gegen eine Sanktionierung ihres stationären Einweisungsverhaltens in einem völlig intransparenten Einweisungssystem zu wehren.

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