Ärztenetze

Antibiotika: Detailwissen führt zu hoher Verordnungs- und Therapiesicherheit

Die Mitglieder des Ärztenetzes Eutin-Malente (ÄNEM) und des Praxisnetzes Plön (PNP) greifen zu einer speziellen „Antibiotika-Fibel“.

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„So schmal wie möglich, nur so breit wie nötig, so kurz wie möglich und nur so lange wie nötig“, so der Slogan für eine moderne, sprich rationelle Antibiotika-Therapie. Doch in der Verordnungspraxis fehlt es oft an der kritischen Indikationsstellung und detaillierten Diagnose; auch der Faktor „Zeitmangel“ spielt nicht selten eine Rolle, um festzustellen, welchen Infekt genau sich ein Patient „eingefangen“ hat. Nur dann kann bei der Therapie gezielt ein medikamentöser Wirkmechanismus zum Einsatz kommen und auch greifen.

Etliche Projekte zur ärztlichen Einübung einer wirksamen und anwendungssparsamen Antibiotika-Therapie bestehen bereits in der hausärztlichen und stationären Versorgung, wie z. B. ein früheres Forum der Ärztegenossenschaft Nord eG. Es gibt zwar nationale Leilinien, aber die kommen oft nicht auf den Schreibtischen der Ärzte an. Deshalb greifen neuerdings die Mitglieder des Ärztenetzes Eutin-Malente (ÄNEM) und des Praxisnetzes Plön (PNP) zu einer speziellen „Antibiotika-Fibel“, die für deren Regionen in enger Kooperation mit dem Labor des Medizinischen Versorgungszentrums Plön (LADR GmbH) erarbeitet wurde. Diese „Karteikartensammlung“ wird jährlich aktualisiert, um mit den unterschiedlichen Keimen Schritt zu halten. Eingebunden sind jeweils auch die regionalen Kliniken.

Dr. Annegret Krenz-Weinreich

Auch die Ärzte im Praxisnetz Herzogtum Lauenburg (PNHL) werden bald mit diesem hilfreichen Informationswerk ausgestattet sein. Hierzu Dr. Annegret Krenz-Weinreich, ärztliche Leiterin des Plöner LADR, gegenüber PERSPECTIV: „Es gibt bei uns eine identische Vorlage, auch in digitaler Form, die dann jeweils regional angepasst werden kann.“ Denn die Keimbelastung sei in jeder Region und von Krankenhaus zu Krankenhaus unterschiedlich. Das erfordere grundsätzlich die individuelle und eingegrenzte Anpassung von Antibiotika, den weltweit am häufigsten verschriebenen Arzneimitteln.

PNP-Mitglied Dr. Daniel Lohmann, FA für Allgemeinmedizin, begründet die Antibiotika-Fibel aus Anwendersicht: „Wir nehmen uns nicht immer die Zeit oder haben diese nicht immer, um zu überprüfen, ob eine bestimmte Erkrankung einen bakteriellen Ursprung hat und eine antibiotische Therapie an dieser Stelle sinnvoll sein kann“. Manchmal unterliege der Arzt schlichtweg auch Anforderungen von Patienten, die möglichst schnell wieder leistungsfähig sein möchten. „Das geht dann schneller mit einem Rezept zu antworten, statt Überzeugungsarbeit zu leisten“. Lohmann stimmt mit anderen Kollegen überein: Es sei sehr wünschenswert, mehr Zeit aufbringen zu können, „um zurückhaltender zu sein mit Verordnungen“. Die Ärzte schlügen sich nämlich „wichtige Waffen aus der Hand, wenn wir unkritisch zu viel Antibiotika verordnen.“

Antibiotika-Fibel

Jeder Netzarzt hat jetzt die kleine Fibel in der Schublade. Darin ist festgehalten, welches Medikament in welcher Dosierung verschreiben werden sollte, basierend auf Daten und Erkenntnissen des Plöner Labors. Lohmann: „Denn dieses weiß am besten, welche Keime gerade in der Region im Umlauf sind“. Daher ist es wichtig, dass diese Arbeit so regional wie möglich geschieht, denn die Mediziner stellten fest, dass jeder Kreis völlig andere Resistenzen haben kann“. Hierzu Dr. Annegret Krenz-Weinreich: „Im einer ländlichen Region herrscht z. B. eine völlig andere Resistenzsituation als in großen Ballungsgebieten, weil hier unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Situationen zusammenleben“.

Die jüngste Antibotika-Fibel wurde durch eine „Antibiotika AG“ des PNP erstellt, erläuterte Netzmitglied Lohmann. Dabei spielten die Verbindung ins Plöner Labor und dessen Expertisen „eine ganz wichtige Rolle“, zumal die PNP-Mitgliedspraxen komplett Mitglieder der Plöner Laborgemeinschaft sind. Das Projekt finanziert sich über die Fördermittel des PNP, dass ein im zweiten Jahr gefördertes Netz in der KVSH ist. Die eigentliche Datengrundlage, so Daniel Lohmann, resultiert aus den routinemäßigen Versorgungsdaten. Deren spezielle Aufbereitung erfolgt durch das Labor.

Regionalisierung ist dort sinnvoll, wo eine Versorgergruppe gemeinsam betrachtet werden kann

Dr. Lohmann auf PERSPECTIV-Nachfrage: „Die Regionalisierung ist da sinnvoll, wo es ohne großen Aufwand gelingt, eine Versorgergruppe gemeinsam zu betrachten, was dann leicht zu realisieren ist, wenn eine Deckung der Mitgliedschaften in einem Netz und in einer Laborgemeinschaft besteht.“ Hauptziel der Fibel sei die Verhaltensänderung beim Verordnen von Antibiotika, d. h. weniger Antibiotika insgesamt sowie möglichst „weg von der unkritischen Verordnung problematischer Antibiotikagruppen wie Gyrasehemmern und Cephalosporinen“.

Das Projekt ziele darüber hinaus auf den Versuch ab, einen Qualitätsindikator für organisierte Ärzteverbünde zu entwickeln, sagte Daniel Lohmann. „Wir sind mit der KVSH im Gespräch, ob es möglich ist, die Routineverordnungsdaten von Medikamenten dafür zu nutzen, den Effekt der Implementierung der Fibel plus anderer Maßnahmen wie Schulungen auf das Verordnungsverhalten über die Selbstauskunft hinaus zu messen.“ Das Projekt passe in das Konzept „Antibiotic Stewardship“, das „aktuell ein großes Gesundheitsthema darstellt“. Bei der KV habe dazu bereits ein erster Runder Tisch getagt, woran auch Vertreter des PNP teilnahmen. Und als Mitglied des Teams des Instituts für Allgemeinmedizin an der Uni Kiel trage er sich, Daniel Lohmann, auch mit dem Gedanken, das Thema in „geordneter Form“ in eine vernünftige Wissenschaftlichkeit zu überführen. „Dazu haben beide Institute für Allgemeinmedizin in Kiel und Lübeck ihre Unterstützung signalisiert“.

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