Ärztenetze

Neue Modelle funktionieren und schaffen dazu attraktive Bedingungen!

Die Dialogrunde beschäftigte sich u.a. mit der Frage, wie die ärztliche Versorgung im Flächenland Schleswig-Holstein auch künftig sichergestellt werden kann.

© Ärztegenossenschaft Nord e.G.

Dr. Svante Gehring und Christoph Meyer

Mehr als 60 Ärzte, Bürgermeister, Amts- und Krankenkassenvertreter besuchten am 7. März in Kiel die zweite Veranstaltung „Zukunft Gesundheit“, das Dialogforum der Ärztegenossenschaft Nord eG (ÄGN). Vor drei Jahren, im Februar 2015, waren bei den ersten Workshops noch theoretische Modelle diskutiert worden; nun konnten erfolgreich umgesetzte Projekte vorgestellt werden. „Was auf der letzten Veranstaltung Zukunft war, ist nun gelebte Gegenwart“, so ÄGN-Vorstandsmitglied Dr. Svante Gehring, der die Veranstaltung moderierte. „Wir haben in unserem Land nun die einmalige Chance, den Weg weiterzugehen. Ich bin nicht nur auf uns, die Ärztegenossenschaft, stolz, sondern auch auf all die Akteure in unserem Bundesland, die dies ermöglichen.“

Die Dialogrunde beschäftigte sich zunächst mit der Frage, wie die ärztliche Versorgung im Flächenland Schleswig-Holstein auch künftig sichergestellt werden kann. Hierzu referierte zunächst André Zwaka, stellvertretender Leiter der Zulassungsabteilung der KVSH. Er zeigte die Grenzen der KV aber auch die Möglichkeiten der Unterstützung auf. Ergänzend erläuterte Prof. Dr. Jost Steinhäuser, welche Maßnahmen das Institut für Allgemeinmedizin ergreift, um die Ausbildung und Niederlassung zum Facharzt für Allgemeinmedizin attraktiv zu gestalten. Steinhäuser: „Viele angehende Ärzte haben keine Vorstellung von der Arbeit außerhalb der Städte.“ Deshalb zeige das Kompetenzzentrum Weiterbildung z. B. durch Mentoring und Schulungsprogramme die unterschiedlichen Vorzüge einer Niederlassung auf dem Land auf.

„Manchmal muss man es einfach machen!“ Mit diesem Appell prägte Bürgermeister Jürgen Feddersen (Pellworm) die Veranstaltung als dritter Redner. Anschaulich berichtete er, wie er politische und rechtliche Hürden überwand, um ein kommunales MVZ auf seiner Insel zu etablieren. Hierbei betonte er die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen der KVSH, der Gemeinde Pellworm und der ÄGN, die ein solches Vorhaben das Projekt ermöglichte.
Nach den Impulsvorträgen wurde in der Diskussion die Aufbruchsstimmung des Publikums deutlich. Besonders wurden die verschiedenen Möglichkeiten für Gemeinden und Städte erörtert, sich in die ambulante Versorgung einzubringen. Dazu André Zwaka: „Grundsätzlich hat der Gesetzgeber zwei Möglichkeiten geschaffen, wodurch Gemeinden die Verantwortung für Arztsitze übernehmen können – das kommunale MVZ oder die kommunale Eigeneinrichtung.“ In beiden Fällen seien die Ärzte in der Anstellung tätig, wobei natürlich die Freiberuflichkeit bestehen bleibe.

Der zweite Teil des Dialogforums stand unter der Überschrift „Selbstständig trifft angestellt“. Hierbei führte Dr. Gehring mit Hilfe eines Umfrageergebnisses unter Medizinstudenten in das Thema ein. Die Wünsche der jungen Ärztegeneration in Bezug auf Arbeitsverhältnisse und Strukturen fänden in Projekten der ÄGN immer Beachtung. Gehring weiter: „Neue Versorgungsmodelle funktionieren; und sie schaffen dabei auch noch attraktive Arbeitsbedingungen!“ Ergänzend beschrieb Harald Stender, Koordinator ambulante Versorgung im Kreis Dithmarschen, in seinem Impulsvortrag das erfolgreiche Modell Büsum. Das Ärztezentrum sei als Leuchtturmprojekt in ganz Deutschland bekannt. Es findet, so Stender, sogar durch eine Förderung der Robert-Bosch-Stiftung Anerkennung. Der kommunale Berater unterstrich ebenso wie Jürgen Feddersen, dass Gemeinden den Weg zur Sicherung der ambulanten Versorgung mit Unterstützung von Partnern wie der KVSH und der ÄGN erfolgreich beschreiten können. Dabei nannte er die Ärztegenossenschaft einen „Dolmetscher zwischen Verwaltung und Gesundheitswesen“.

Dann kamen die Praktiker zu Wort: Der 32-jährige Klaas Lindemann ist angestellter Arzt in Büsum. Er erzählte, dass sein Vater den hausärztlichen Kassenarztsitz in das Ärztezentrum eingebracht habe, um seinem Sohn die Anstellung zu ermöglichen. Lindemann sieht vor allem die Teamarbeit zwischen älteren und jüngeren Ärzten als großen Vorteil der neuen Versorgungsstruktur. „Ich wollte Mediziner werden und nicht Unternehmer. Im Ärztezentrum kann ich mich auf das konzentrieren, wofür ich ausgebildet wurde, und der bürokratische Aufwand wird mir abgenommen“, unterstrich der junge Arzt. – Im Kontrast dazu stellte Dr. Johann Kielholz sein Arbeitsmodell in der Selbstständigkeit dar. Der erfahrene Facharzt für Allgemeinmedizin hat in Wöhrden eine Praxisstruktur aufgebaut, bei welcher er sieben jüngeren Kollegen zunächst die Anstellung ermöglicht habe. Geplant sei, dass einige der Angestellten seine Praxis als Selbstständige weiterführen. Dr. Kielholz plädierte abschließend an die junge Ärzteschaft, die unternehmerische Verantwortung für die eigene Praxis zu übernehmen.

Die Diskussionsrunde zeigte auf, dass die Anzahl der ausgebildeten Hausärzte noch nie so hoch war wie heute und gleichzeitig die Ressource Arbeitszeit des einzelnen Arztes jedoch abnimmt. Gründe dafür sind u. a. veränderte Vorstellungen in Bezug auf Arbeit und Familie. Das Publikum zeigte Verständnis für den Wunsch nach einem ausgewogenen Lebensmodell der jungen Ärzteschaft. Der FA für Allgemeinmedizin Christoph Meyer, ÄGN-Vorstandsmitglied und Moderator der Diskussionsrunden, hielt zusammenfassend fest, dass Ärzte nicht gezwungen werden könnten, sich auf dem Land niederzulassen. Stattdessen müssten aber die politisch Verantwortlichen Rahmenbedingungen schaffen, damit weitere neue Versorgungsideen umgesetzt werden können – so sollten z. B. auch Arztnetze und Ärzteorganisationen einen Leistungserbringerstatus erlangen können und MVZ gründen dürfen.

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