Ärztenetze

Schluss mit Rabattverträgen für Impfstoffe

Impfstoff-Rabattverträge führten in den vergangenen Jahren immer wieder zu folgenreichen Problemen.

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Krankenkassen dürfen schon bald keine Ausschreibungen für Impfstoffe mehr vornehmen: Mit dem jüngst beschlossenen Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz (AM-VSG) wird die seit sechs Jahren bestehende Rechtsgrundlage für die exklusiven Rabattverträge der Kassen mit pharmazeutischen Herstellern gestrichen. Noch bestehende Altverträge werden mit Ablauf des dritten Monats nach Inkrafttreten des AMVSG unwirksam bzw. es können bestehende Rabattverträge für Impfstoffe nicht verlängert werden. Die neue Verbotsregelung gilt auch für Zytostatika bzw. es werden die Ausschreibungen für Zyto-Zubereitungen auf Apothekenebene abgeschafft. Der Bundesrat wird sich am 31.3.2017 abschließend mit dem neuen Gesetz befassen, sodass es voraussichtlich Mitte/Ende April 2017 in Kraft tritt.

Die Impfstoff-Rabattverträge führten in den vergangenen Jahren immer wieder zu folgenreichen Problemen. Jüngst traf es dabei z. B. eine Impfkampagne, die das Praxisnetz HANN GmbH (Haus- & Facharztnetz Nord, Norderstedt) mit der Ärztegenossenschaft Nord eG (ÄGN) durchführte. Was passierte? Anfang des Jahres, als die Grippewelle so richtig losrollte und die Experten des RKI und der STIKO die Impfung auch den Nachzüglern empfahl, war wieder einmal kein Impfstoff zu bekommen. Zur Impfkampagne waren zuvor Schulungen der Praxen durchgeführt, ein eigener Behandlungspfad mit Checkliste erstellt sowie eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit betrieben worden (u.a. wurde ein eigener Aufkleber entwickelt, der Patienten aufforderte, zum nächsten Arztbesuch den Impfpass mitzubringen). Doch dann konnte nicht mehr geimpft werden.

Dr. Svante Gehring

„Wir fragten uns natürlich, warum wir überhaupt den ganzen Aufwand betrieben haben, wenn am Ende der Impfstoff fehlt“, beklagte Dr. Svante Gehring (HANN und ÄGN) die plötzlich entstandene Situation. Außer bei Grippe kam es auch zu Lieferengpässen bei Impfstoffen gegen Lungenentzündung sowie gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten als Kombination. Die betreffenden Apotheker verwiesen auf Begründungen für die Lieferengpässe, die das Paul-Ehrlich-Institut und die mit Ärztegenossenschaften kooperierende überregional tätige Unternehmensgruppe Berg-Apotheke gaben.

Die Impfkampagne im HANN wurde von einer Studie begleitet, die nun vom Institut für Allgemeinmedizin (Prof. Jost Steinhäuser, Universität zu Lübeck) wissenschaftlich ausgewertet wird. Dazu wurde der Impfstatus von Senioren auf Hausbesuchen und in Pflegeheimen erhoben. Die Kampagne und Studie wurden von der Firma Pfizer in einer Kooperation mit der ÄGN unterstützt; Pfizer selbst hatte jedoch keine Möglichkeit, auf die Durchführung und Auswertung Einfluss zu nehmen.

Dr. Gehring nannte gegenüber PERSPECTIV die Entscheidung des Gesetzgebers, die Rabattvereinbarungen für Impfstoffe zu verbieten, „aus Sicht der Ärzte und Patienten mehr als überfällig“. Gehring wörtlich: „Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschenleben diese verfehlte Rabattpolitik der vergangenen Jahre allein bei Impfstoffen gekostet haben mag.“ Er verwies hierbei auf die AOK selbst, die unabhängige Zahlen vom Max-Planck-Institut veröffentlicht hatte (www.aok.de/fileadmin/user_upload/Universell/05-Content-PDF/160424_AOK-Faktenbox-Influenza.pdf). Netz-Arzt Gehring folgerte, es müsse nun vom Gesetzgeber „überlegt werden, ob diese Rücknahme der Rabatt-Gesetzgebung nicht genereller gehalten werden sollte, denn selbst bei Generika gibt es immer häufiger Lieferengpässe“.

Der Gesetzgeber hatte die erstmals bereits Ende 2012 vehement auftauchenden Probleme der Rabattverträge für Impfstoffe erkannt und besserte zunächst nur nach: Seit Sommer 2014 mussten Kassen pro ausgeschriebenem Versorgungsgebiet mit mindestens zwei Unternehmen einen Vertrag schließen. Doch auch diese Vorgabe erwies sich als schwierig. In einigen Regionen war es den ausschreibenden Kassen zuletzt nicht mehr möglich, zwei Vertragspartner zu finden.  

Weitere Informationen können Sie hier abrufen:
http://www.impfen-info.de/impfpass/
http://www.abendblatt.de/region/norderstedt/article208878615/Norderstedter-Hausaerzte-starten-Impfkampagne.html


Hintergrund

Die Gründe für Lieferengpässe

Nach Informationen des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) ist die Herstellung von Impfstoffen ein komplexer und langwieriger Prozess, der für Kombinationsimpfstoffe bis zu drei Jahre betragen kann. Dies setzt eine sehr langfristige Planung voraus. Deshalb ist die kurzfristige Anpassung an aktuelle Ereignisse oder einen unerwarteten Mehrbedarf nicht oder kaum möglich. 

  • Produktionsbedingte Lieferengpässe sind häufig dadurch bedingt, dass es zu auffälligen Ergebnissen bei einer der zahlreichen Qualitätskontrollen kommt. Wird in der Produktprüfung beim Hersteller oder im Rahmen der Chargenprüfung eine Abweichung von den vorgegebenen Qualitätsparametern festgestellt, muss die Charge verworfen werden Dies kann im Einzelfall mehrere Hunderttausend Impfstoffdosen betreffen. Wenn nicht ausreichend weitere Chargen zur Verfügung stehen, kann die Impfstoffversorgung gefährdet werden.
  • Lieferengpässe haben auch wirtschaftliche Ursachen: Die Impfstoffproduktion der in Deutschland und in der EU zugelassenen Impfstoffe beschränkt sich auf wenige Hersteller. Der logistische Aufwand ist hoch und die Produktion dadurch sehr teuer. Die Produktion setzt zudem einen hohen Grad der Spezialisierung voraus. Kleinere Firmen konnten zunehmend dem Kostendruck nicht standhalten, die Qualitätsanforderungen an die Herstellung nicht erfüllen oder die aufwändige Zulassung, die große klinische Prüfungen mit mehreren Tausend Teilnehmern voraussetzt, nicht finanzieren.
  • Die Impfstoffprodukte, die zur Verfügung stehen, werden weltweit produziert und eingesetzt. Aufgrund des langfristigen Herstellungsprozesses können Firmen auf einen akuten Mehrbedarf nur durch Verschiebung von Ware aus anderen Marktregionen reagieren. Eine Reservelagerung von Impfstoffprodukten findet im Allgemeinen nicht statt. Eine Steigerung der Produktion aufgrund eines Mehrbedarfs z. B. durch geänderte Impfempfehlungen der STIKO oder einen Lieferengpass beim Wettbewerber kann aus genannten Gründen nur mit Zeitverzögerung erfolgen.

Die Problematik der Unterversorgung mit Impfstoffen zeigt sich auch darin, dass das PEI bereits 2016 einen neuen Informationsservice auf seine Homepage gestellt hat. Dieser enthält neben der Information über die aktuelle Liefersituation auch konkrete Handlungsempfehlungen für Ärzte:
http://www.pei.de/DE/arzneimittel/impfstoff-impfstoffe-fuer-den-menschen/lieferengpaesse/listen-lieferengpaesse-humanimpfstoffe/listen-node.html

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