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20 Jahre IGeL – Selbstzahlerleistungen etablierten sich als medizinisches Angebot

Viele Ärzte erwarten, dass Selbstzahler-Angebote künftig noch wichtiger werden.

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Eine breite Mehrheit der Patienten, nämlich 82 Prozent, kennt Selbstzahlerleistungen deshalb, weil diesen Patienten in der Arztpraxis Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) schon einmal angeboten wurden und auch angenommen haben. Das hat eine Umfrage des Medizinischen Dienstes des Kassen-Spitzenverbands (MDS) von 2.149 Patienten ergeben (lt. dpa v. 12. Juli 2016). Somit sind heute, zwei Jahrzehnte nach der Vorstellung des IGeL-Konzepts durch die KBV, Selbstzahlerleistungen ein etablierter Teil des medizinischen Angebots geworden.

Fast 30 Prozent der Teilnehmer einer Leserumfrage von „Ärzte Zeitung“ und „Die PVS“ (Privatärztliche Verrechnungsstellen) unter rund 700 niedergelassenen Ärzten, erzielen mit IGeL mindestens sechs Prozent ihres Umsatzes. 15 Prozent kommen sogar auf einen Anteil von mehr als zehn Prozent (lt. ÄZ v. 10. November 2017). Die Befrager sagen, die Umfrage sei zwar nicht repräsentativ, aufgrund der hohen Teilnehmerzahl zeige sich jedoch „ein stabiler Trend“. Und: Die Ärzte sehen Selbstzahlerleistungen als wirtschaftlichen Faktor. Sie erkennen ihre IGeL-Angebote zudem als wichtigen Beitrag für die Behandlungsqualität in den Praxen.

27 Prozent der Befragten unterstreichen die Aussage, Selbstzahlerleistungen seien unverzichtbar zur Teilhabe der Patienten am medizinischen Fortschritt. 44 Prozent sagen, diese Leistungen seien individuell ergänzend einsetzbar für Patienten mit speziellen Sonderwünschen. 21 Prozent meinen, die IGeL seien passend für alle Patienten mit höheren medizinischen Ansprüchen.

Das Umfrageergebnis weist große Unterschiede zwischen den Fachgruppen auf: So kommen nur vier Prozent der Internisten auf zehn oder mehr Prozent Umsatzanteil, die sie mit Selbstzahlerleistungen erzielen. Bei Allgemeinärzten sind es fast zehn Prozent, bei Gynäkologen 20 Prozent und bei den an der Umfrage antwortenden Urologen und Orthopäden sogar auf rund 35 Prozent. Über alle Fachgruppen hinweg werden am häufigsten angeboten Tauglichkeitsuntersuchungen und Atteste (58 Prozent). Knapp dahinter folgen Labor-Leistungen (57 Prozent), die überwiegend zur erweiterten Vorsorge und in der stratifizierten Medizin genutzt werden. Angebote rund um Freizeit, Urlaub, Sport und Beruf führen 36 Prozent der Ärzte als Schwerpunkt, gut drei von zehn Ärzten sind bevorzugt in alternativer Heilmedizin unterwegs, und 22 Prozent machen verstärkt Zuwendungsmedizin und therapeutische Angebote. Jede Fachgruppe hat dabei ihren eigenen Schwerpunkt – Hausärzte z. B. setzen in erster Linie aufs Labor, Orthopäden auf alternative Medizin.

Eine weitere Erkenntnis aus der Umfrage: In der Labormedizin zahlt sich die enge Zusammenarbeit zwischen Zuweisern und Laboren aus, die es häufig ermöglicht, trotz zweier Leistungserbringer dem Patienten nur eine Rechnung zu schicken. Dieses sogenannte „Huckepackverfahren“ ist mittlerweile von den PVS so umgestaltet worden, dass es keine Angriffspunkte für das neue Korruptionsstrafrecht für Ärzte mehr gibt.

Viele Ärzte erwarten, dass Selbstzahler-Angebote künftig noch wichtiger werden: 39 Prozent wollen ihr Leistungsspektrum erweitern, 36 Prozent glauben, dass die Nachfrage nach den angebotenen Leistungen weiter wächst und dass der Umsatz steigt. Andererseits möchte jeder vierte Umfrageteilnehmer den IGeL-Umfang einschränken.

Nach Auffassung der PVS gehen die Ärzte bei ihren Selbstzahlerangeboten „verantwortungsvoll, mit Augenmaß und selektiv vor. Auch seien sie dabei defensiver als eigentlich nötig. Wichtig für die Praxen sei es, vor Einführung einer Leistung zu prüfen, welche Investition dafür erforderlich ist und wie dann abgerechnet werden kann. Die Angaben der Medizintechnik-Hersteller seien dabei nicht immer zuverlässig. Die Privatärztlichen Verrechnungsstellen leisteten mit ihrem Abrechnungs-Know-how Hilfestellung; auch Berufsverbände können gut unterstützen, so dass die Ärzte dann sicher sein dürfen, dass ihre Rechnungen zu Selbstzahlerleistungen korrekt sind.

Wiederholt gibt es öffentliche Kritik am IGel-System, untermauert von Vorwürfen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (dpa, Juli 2016): Die Ärzte bereicherten sich und berieten nur unzulänglich über Nutzen, Risiken, Nebenwirkungen und Kosten einer Selbstzahlungsleistung. Diese Kritik sei jedoch keineswegs gerechtfertigt. Das „igeln“ könne nicht unter Generalverdacht gestellt werden, betonte – gleichfalls gegenüber dpa – der KBV-Vorsitzende Andreas Gassen. „Im individuellen Patientenfall können IGeL durchaus medizinisch sinnvoll sein“.

 

Clara Fall

Dr. Klara Fall, niedergelassene Allgemeinärztin: IGeL sind medizinisch sinnvoll – das kann auch Herr Gassen durchaus positiver und selbstbewusster formulieren. Entscheidend ist, das in unserer Gesellschaft – und bei den Herausforderungen an unser Gesundheitssystem – eine umfassende Partizipation an der Gesundheitsversorgung nur über die individuellen Gesundheitsleistungen möglich ist. Also lassen wir die dogmatischen Erörterungen. Ich habe noch den Hippokratischen Eid geleistet und kenne wie meine Kollegen meine berufsethische Verantwortung.

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