Gesundheitspolitik

Ärztinnen im Nachteil – Umdenken erforderlich

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Vom „Karrierekiller Kind“ ist die Rede. Denn: Zwei Drittel der Ärztinnen und Medizinstudentinnen sind überzeugt davon, dass Kinder und Familie ihren Berufsweg blockieren. Das ergab eine Umfrage des Hartmannbundes. Hinzu kommt ein offenbar großer Gehaltsunterschied zwischen Ärztinnen und ihren männlichen Kollegen, die in Kliniken angestellt sind. Das stellte kürzlich der Branchen-Infodienst Medscape ebenfalls aufgrund einer Umfrage fest.

Rund 2.800 Frauen – von rund 20.000 Angefragten – hatten an der Befragung des Hartmannbundes im Jahr 2014 teilgenommen, davon 79 Prozent Medizinstudentinnen und 21 Prozent Ärztinnen. Das Ergebnis: Weitaus die meisten Frauen glauben nicht an ihre faire Chance im Arztberuf. Karriere könne es nur bei Verzicht auf Kinder und Familie geben. So sehen viele junge Frauen ihre Perspektiven im Arztberuf auch deshalb negativ, weil sie laut Umfrage keine fairen Chancen gegenüber männlichen Kollegen haben und sich benachteiligt durch Teilzeittätigkeit fühlen. Diese Ergebnisse zeichnen ein ernüchterndes Bild und werfen einen Blick auf dringenden Handlungsbedarf.

Hartmannbund-Vorsitzender Dr. Klaus Reinhardt sieht deshalb vor allem die Arbeitgeber gefordert und plädiert für eine Abkehr von alten Denkweisen. Besonders alarmierend sei, dass fast jede zweite der 2.800 Umfrageteilnehmerinnen glaube, für die Erreichung ihrer Karriereziele auf eine Familie verzichten zu müssen. Während rund 50 Prozent der Befragten eine Position als Oberärztin oder Chefärztin anstreben, so sind gleichzeitig zwei Drittel von ihnen davon überzeugt, dass sie nicht die gleichen Chancen auf eine erfolgreiche Karriere haben wie ihre männlichen Kollegen. Details der Umfrageergebnisse offenbaren die Kernprobleme: Benachteiligung durch Teilzeitarbeit sowie ein noch immer nicht überwundenes Rollendenken und verkrustete hierarchische Strukturen, kritisieren die Frauen.

Teilzeitarbeit gewünscht, jedoch nicht als Karrierebremse

Nur sieben Prozent der Befragten bescheinigen ihren Arbeitgebern und Ausbildungsstätten, sie hätten die Bedeutung einer besseren Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben in ausreichendem Maß erkannt und entsprechend darauf reagiert. Die Dimension der Herausforderung, die sich hinter diesen Defiziten verbirgt, verdeutlichen laut Hartmannbund zwei weitere Zahlen: Rund 90 Prozent der jungen Frauen können sich grundsätzlich vorstellen, ihre ärztliche Tätigkeit – zumindest phasenweise – in Teilzeit auszuüben. Nur rund ein Drittel von ihnen glaubt, dass dies kein Karrierehindernis darstellt; neun von zehn Befragten bewerten das Thema Teilzeitbeschäftigung noch immer als eine besondere Herausforderung für Frauen.

Nun sind, so der Hartmannbund, die Arbeitgeber und Politik gefordert, um Frauen gleiche Karrierechancen innerhalb der ärztlichen Laufbahnen zu gewährleisten. Nötig sei auch ein anderes Rollendenken in der Partnerschaft und mehr Akzeptanz für Männer, die sich für Vaterschaftsurlaub und Teilzeit entscheiden. Kommentar einer Umfrage-Teilnehmerin: „Wir brauchen Frauen, die durchsetzen, dass ihre Partner mindestens ebenso viel Familienarbeit leisten.“

Obwohl die Ärzte in Deutschland in Statistiken und Umfragen generell und regelmäßig zu den gutverdienenden Berufsgruppen gehören, fühlen sie sich selbst nicht angemessen entlohnt. Bei einer Online-Umfrage von Medscape unter knapp 400 Ärzten gab eine Mehrheit von 59 Prozent an, nicht gerecht bezahlt zu werden. Die Mehrheit der Umfrageteilnehmer waren Klinikärzte. Dabei gaben Ärztinnen ihren Verdienst mit 88.100 Euro jährlich an, ihre männlichen Kollegen hingegen mit 134.000 Euro. Die Befragung ließ jedoch den Anteil der Teilzeitbeschäftigten offen. Liegt dieser z. B. bei den Ärztinnen vermutlich höher als bei ihren Kollegen, dürfte sich die Gehaltsdifferenz zum Teil sicherlich daraus erklären lassen.

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