Gesundheitspolitik

Auch Niedersachsen nun ohne starre Richtgrößen

Die KV Niedersachsen hat sich mit den Krankenkassen auf Durchschnittsprüfungen geeinigt.

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Auch in Niedersachsen sind nun starre finanzielle Richtgrößen nicht mehr an der Tagesordnung. Die KV Niedersachsen hat sich mit den Krankenkassen auf Durchschnittsprüfungen geeinigt (vgl. Bericht Ärzte Zeitung v. 17.05.2017). Die entscheidende Bezugsgröße für den einzelnen Arzt ist damit der Durchschnittswert seiner Fachgruppe. Nur wenn der jeweilige Durchschnitt um mehr als 50 Prozent überschritten wird, droht die Wirtschaftlichkeitsprüfung. Allerdings hat der Arzt dann immer noch eine Möglichkeit, dieser zu entgehen. Zudem gibt es von der KVN rechtzeitige Hinweise auf die aktuelle Verordnungssituation.

Dr. Jörg Berling (Adendorf), stellvertretender Vorsitzender der KVN, erläuterte gegenüber der ÄZ: „Ungewöhnliche Entwicklungen, zum Beispiel eine Grippewelle, die ja alle Hausärzte betrifft, werden nun viel besser dargestellt. Wenn alle Hausärzte mehr Grippe-Medikamente verordnen müssen, steigt eben auch der Durchschnitt aller Ausgaben.“ Der Arzt müsse eigentlich jetzt nicht mehr ständig auf seine Praxisbesonderheiten hinweisen. Berling: „Die meisten der Praxisbesonderheiten sind sozusagen mit eingepreist.“

Über die Durchschnittsprüfung hinaus wurden allgemeine und spezifische Wirtschaftlichkeitsziele sowie fachgruppenindividuelle Zielwerte bei der Verordnung festgelegt. Bei den allgemeinen Zielen wird das Verordnungsverhalten aufgrund der fachgruppenspezifischen Mindestquote des KBV-Medikationskatalogs bewertet, anhand einer spezifischen Arzneimittelquote oder der fachgruppenspezifischen Generika-Quote.

Für Hausärzte bedeutet das: Mindestens 90 Prozent der von ihnen verordneten Medikamente müssen Standard- oder Reservewirkstoffe sein, die von der KBV im Medikationskatalog für 22 Indikationen empfohlen werden. Das weitere Ziel, um einem Regress zu entgehen, sind fachgruppenspezifische Verordnungsanteile einer bestimmten Wirkstoffgruppe. Die Verordnungsziele wurden aus den realen Verordnungsdaten in 2015 und 2016 ermittelt. Die Ziele werden direkt über die Praxis-EDV eingespielt. Rabattverträge werden nicht berücksichtigt. In fachgleichen Berufsausübungsgemeinschaften werden auch die Verordnungsdaten gemeinsam betrachtet. Bei fachübergreifenden Gemeinschaften von bis zu drei Kollegen sollen zwei Drittel der Ärzte die Quoten einhalten. In Praxen mit vier und mehr Ärzten müssen drei Viertel der Ärzte die Quoten einhalten.

Eine spezifische Generika-Quote greift z. B. bei Gastroenterologen. Sie müssen eine Verordnungsquote von 88,14 Prozent bei Generika und patentfreien, generikafähigen Arzneimitteln erfüllen, den so genannten Altoriginalen. Daneben haben Sie eine Biosimilarquote. Entscheidend für alle Quoten ist nicht der Preis, sondern die Menge in Tagesdosen (DDD).

Ein monatlicher KV-Bericht ermöglicht jedem Arzt zu überprüfen, ob er mit seinen Quoten bei den spezifischen Zielen im Limit liegt. Im Sommer erhält er die erste Übersicht über den Durchschnittswert seiner Fachgruppe. Beratungen biete die KVN bereits dann, wenn sich im laufenden Jahr abzeichnet, dass ein Arzt überdurchschnittlich verordnet. Zu einem Prüfverfahren kommt es in Niedersachsen erst, wenn weder die 50 Prozent des Fachgruppendurchschnitts gehalten werden noch die fachgruppenspezifischen Ziele. Dann muss der betroffene Arzt seine Verordnungen mit Praxisbesonderheiten begründen. Erst wenn auch das misslingt, droht ein Regress.

Lesen Sie zu diesem Thema in PERSPECTIV: „Neue Konstrukte statt Richtgrößen-Regelung – Interview: Positivliste wäre ehrlicher“ (Februar 2017)

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