Gesundheitspolitik

Die digitale Gesundheitswelt boomt

Das Gesundheitswesen befindet sich zunehmend im Fokus digitaler Methoden und Verfahren.

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Die Medizin, das Wissen um Krankheiten, die therapeutischen Wege, der gesamte ambulante und klinische Versorgungssektor befinden sich zunehmend im Fokus digitaler Methoden und Verfahren. Außer der Medizintechnik als solche sind E-Health, Telemedizin (Telekonsil, Telediagnostik, Telemonitoring), Telematik und Online-Sprechstunden (vgl. Online-Sprechstunden ersetzen den Arztbesuch nicht – sie ergänzen ihn) bereits heute weit verbreitet. Zudem stehen zurzeit mehr als 100.000 Apps zum Thema Gesundheit bereit.

Diese extrem hohe Anzahl von Gesundheits-Apps bestätigte auf PERSPECTIV-Nachfrage Dr. med. Urs-Vito Albrecht von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Er leitete die Ende April veröffentlichte Studie „Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps – CHARISMHA“. Albrecht ist stellvertretender Direktor des hannoverschen Standorts des an der Studie beteiligten Peter L. Reichertz Instituts für medizinische Informatik (PLRI) sowie geschäftsführender Arzt der Ethikkommission der MHH. Die multidisziplinäre Forschergruppe namens PLRI MedAppLab setzte sich in mehrmonatiger Arbeit mit den ethisch-rechtlichen Rahmenbedingungen des medizinischen Einsatzes von Gesundheits-Apps auseinander. Die mehr als 500 Seiten umfassende Studie der 18 Autoren wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit realisiert.

Zum Umfang der Gesundheits-Apps heißt es in der Studie: „Diese reichen von für Laien entwickelten Fitness-Apps oder Gesundheitsratgebern sowie elektronischen Patiententagebüchern bis hin zu hochprofessionellen Apps, die medizinisches Fachpersonal in Arztpraxen und Kliniken bei ihrer Arbeit unterstützen.“ Und das kommentierte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe am 25. April: „Bei mehr als 100.000 Gesundheits-Apps ist es für Bürger, aber auch für Ärzte nicht einfach, zwischen guten und schlechten Angeboten zu unterscheiden. Nötig sind klare Qualitäts- und Sicherheitsstandards für Patienten, medizinisches Personal und App-Hersteller.“ Gröhe hält es für notwendig, dafür zu sorgen, „dass Produkte, die einen wirklichen Nutzen für Patienten bringen, schnell in die Versorgung gelangen“. Für viele Menschen seien Apps heute schon „ein Ansporn, sich mehr zu bewegen, sich gesünder zu ernähren.“ Gröhe weiter: Sie unterstützen z.B. auch ‎bei der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten. Das kann vielen Menschen eine wertvolle Hilfe sein“.

Clara Fall

Dr. Klara Fall, niedergelassene Allgemeinärztin: Zu befürchten ist, dass mit der Digitalisierung der Medizin wesentliche zwischenmenschliche Momente, die Vertrauen schaffen und zur Genesung von Patienten beitragen, verloren gehen könnten. Ungesteuert und unkontrolliert passiert das sicherlich. Doch das eine schließt das andere nicht aus: Moderne Technik sowie damit einhergehend der menschliche Direktkontakt mit Patienten sind die „gesunde“ Mischung, auf die es wesentlich ankommt. Beides kombiniert sollte zielführend im Sinne des Patientenwohls und der uneingeschränkten Akzeptanz ärztlichen Wirkens angewandt werden.

Hintergrund:

Mit dem E-Health-Gesetz wird geregelt, dass digitale Anwendungen, die die Versorgung verbessern, auch besser von den Kassen erstattet werden sollen. Zudem werden über einen Innovationsfonds Projekte und Forschung mit jährlich 300 Mio. Euro gefördert, die neue Wege in der Versorgung einschlagen. Das gibt neuen Ideen für das Gesundheitswesen Rückenwind. Um zu klaren Regeln für Nutzennachweise und Kostenerstattung für Versorgungsangebote rund um Gesundheits-Apps zu kommen, soll der Dialog zwischen Herstellern und Krankenkassen im Rahmen der E-Health-Initiative des BMG gestärkt werden. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat bereits für App-Entwickler eine Orientierungshilfe für die Zulassung von „Medical Apps“ entwickelt. Es soll zu einer zentralen Anlaufstelle für Gründer und App-Entwickler in Deutschland weiterentwickelt werden. Und weil der Markt der Gesundheits- und Medizin-Apps international aufgestellt ist, wird beim Schutz höchstpersönlicher Patientendaten die internationale Zusammenarbeit wichtig sein. Deshalb begleitet das BMG auf EU-Ebene die Arbeiten an einem „Code of Conduct“, der sich zu einer Selbstverpflichtung der Hersteller von Gesundheits-Apps in Bezug auf Qualität und Datenschutz entwickeln soll. Zugleich muss von der Gesundheitspolitik sichergestellt werden, dass durch neue Technologien nicht die Solidarität zwischen gesunden und kranken, jungen und alten Menschen in Frage gestellt wird. Das BMG wird deshalb in Kürze eine Forschungsförderung im Bereich Ethik und Digitalisierung im Gesundheitswesen ausschreiben. 

Weiterführende Informationen zur App-Studie:

Um die Ergebnisse der App-Studie auf eine möglichst breite Basis zu stellen, wurden die Einrichtungen im Gesundheitswesen im Rahmen einer Kommentierung einbezogen. Die Kommentare werden ebenso wie die Studie auf der Website www.charismha.de veröffentlicht. Die gesamte Studie kann hier nachgelesen werden: http://www.bmg.bund.de/fileadmin/dateien/Downloads/A/App-Studie/CHARISMHA_gesamt_V.01.3-20160424.pdf

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