Gesundheitspolitik

Gesetzgeber boxt die Vernetzung im Gesundheitswesen voran

Bundestag verabschiedet das Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen.

© Jürgen Fälchle – Fotolia.de

Das E-Health-Gesetz ist unter Dach und Fach. Der Bundestag stellte am 4. Dezember mit der Verabschiedung des „Gesetzes für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen“ die Weichen für den weiteren Ausbau der Telematikinfrastruktur (TI). Dazu zählen die elektronische Gesundheitskarte (z. B. Notfalldatensatz und Medikationsplan) sowie telemedizinische Anwendungen. Sollte das Gesetz am 18. Dezember den Bundesrat passieren, so wird es am 1. Januar 2016 in Kraft treten.

Mit der Umsetzung des Gesetzes soll die medizinische Kommunikation 20 Jahre nach Einführung der Gesundheitskarte (1995) an die modernen technischen Möglichkeiten angekoppelt werden. Mit Hilfe der TI und der neuen elektronischen Gesundheitskarte, die seit diesem Jahr verpflichtend ist, sollen Patientendaten schnell zu übermitteln und leicht abzurufen sein. Ziel des Gesetzes ist es zudem, die Akteure im Gesundheitswesen besser miteinander zu vernetzen sowie Therapien auch in Notfällen sicherer zu machen. Somit könne die Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung die Prävention und Therapie von Krankheiten verbessern, z. B. indem sie die telemedizinische Versorgung von chronisch kranken Menschen auf dem Land ermögliche, kommentierte Dr. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Digitalverbands Bitkom das neue E-Health-Gesetz.

Statt Praxisbesuch sind Videosprechstunden möglich

Mit dem Gesetz liegt ein verbindlicher Fahrplan für die weitere Digitalisierung vor. Besondere Fortschritte sind der elektronische Medikationsplan und die Telemedizin, z. B. die Auswertung von online übermittelten Röntgenaufnahmen. Zu diesen konsiliarischen Befundbeurteilungen ist zusätzlich gesetzlich verankert worden, künftig auch Online-Videosprechstunden Arzt/Patient in Echtzeit als telemedizinische Leistung in die vertragsärztliche Versorgung einzuführen. Dies soll persönliche Vorstellungen in der Arztpraxis ersetzen, die im Rahmen einer bereits eingeleiteten Therapie notwendig sind. Die Patienten entscheiden jedoch, ob sie dieses Angebot nutzen oder weiterhin ihren Arzt direkt aufsuchen möchten. Der Versicherte hat – so wie beim Telefon – die Kosten der notwendigen Komponenten (Videokamera, Computer und Internetnutzung) selbst zu tragen. Der Arzt erhält ein noch zu vereinbarendes Honorar.

Video-Sprechstunde eher von Patienten gefragt

Bildnachweis: © Andrey Popov – Fotolia.de

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Video-Sprechstunden, wie sie das Gesetz jetzt ermöglicht, sind eher bei Patienten als vom Arzt gefragt: Immerhin 45 Prozent der Bundesbürger würden öfter oder zumindest gelegentlich auf den Video-Kontakt mit dem Haus- oder Facharzt zurückgreifen, rund ein Fünftel ist sich unschlüssig. Gleichzeitig lehnen knapp zwei Drittel der Ärzte Videokonferenzen mit Patienten ab. Nur 3,5 Prozent der Mediziner nutzen diesen Kommunikationsweg bereits. Bei den ärztlichen Fachgruppen, mit denen die Patienten via Video-Leitung kommunizieren würden, liegen die Hausärzte deutlich vorne.

So lautet das Ergebnis einer aktuellen Analyse der Bertelsmann-Stiftung. Sie hatte die Daten einer eigenen repräsentativen Bevölkerungsumfrage unter fast 1.600 Bundesbürgern zwischen 18 und 79 Jahren (Juni/Juli 2015) mit über 80 Literatur- und Studienquellen sowie Experteninterviews zusammengebracht.

Für die Patienten sind laut Stiftung dieses die Hauptgründe, die für eine Nutzung der Video-Konsultation sprechen: das Umgehen langer Wartezeiten auf einen Haus-/Facharzttermin sowie längerer Sitzzeiten im Wartezimmer, den Arzt auch zu ungünstigen Zeiten (Wochenende/Feiertage) kontaktieren zu können, Ansteckungen und Infektionen im Wartezimmer vermeiden zu können.

Das heißt: Die Patienten haben klare Vorstellungen, in welchen Fällen sie die Video-Sprechstunde nutzen würden. Dabei zeigt sich, dass sie auf den direkten Arzt-Kontakt in den meisten Fällen nicht verzichten wollen. Insbesondere für die Erstdiagnose würden fast alle Befragten einen Arzt aufsuchen. Die Online-Variante ist laut Ergebnis der Studie jedoch interessant für das Klären von Fragen, das Besprechen von Befunden und Laborwerten sowie Beratungen zu gesundheitlichen Themen wie Ernährung oder das Besprechen von Risiken einer Behandlungsmethode. Im Prinzip werden hierbei somit eher die Leistungen aus der bekannten Telefon-Sprechstunde für den digitalen Bereich genannt.

Die befragten Ärzte sehen das ähnlich: Video-Konsultationen seien für Rückfragen, Beratungen, Befundbesprechungen und das Einholen von Zweitmeinungen gut geeignet. Auch seien sie ein Mittel für die langfristige Begleitung chronisch kranker Patienten. Hier könnten teilweise auch nichtärztliche Praxismitarbeiter eingesetzt werden. Vorteile durch die Video-Sprechstunde sehen sie auch für ärztlich unterversorgte ländliche Regionen.

Klarheit nun auch für den Medikationsplan

Der mit dem Gesetz nun festgeschriebene und künftig auch elektronische Medikationsplan soll Ärzten bei den Patienten, die mindestens drei verschreibungspflichtige Arzneimittel nehmen, einen besseren Einblick auf die einzunehmenden Präparate verschaffen. Als wesentlicher Bestandteil von AMTS wird der Plan dabei helfen, unerwünschte Wechselwirkungen zu vermeiden. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) und Ärzteverbände hatten vorher vergeblich versucht, den Anspruch auf einen Medikationsplan erst auf Polymedikationen ab fünf Arzneimitteln festzusetzen. Das Gesetz regelt nun auch den mittelfristigen Übergang von der bisherigen Papierversion zum elektronischen Medikationsplan, der über die Gesundheitskarte abrufbar sein wird. Ab 2018 sollen zudem die Notfalldaten auf der E-Karte gespeichert werden können.

Den Hausärzten wurde die dominierende Position beim Medikationsplan übertragen. Sie werden entsprechend im Beirat der Gesellschaft für Telematik vertreten sein. Denn ihnen kommt bei den ersten medizinischen Anwendungen der E-Gesundheitskarte, also vor allem beim Medikationsplan und den Notfalldaten, eine wesentliche Rolle zu, so die Gesetzesbegründung. Demnach werden die Apotheker nur eine Assistentenrolle bei der Aktualisierung und Ergänzung des Medikationsplans spielen.

Logo ABDA

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Kritik gab es erneut von der ABDA: Die Politik habe die große Chance verpasst, durch die konsequente Einbindung der Apotheker einen echten Medikationsplan für Millionen chronisch kranker Patienten zu erstellen. Der Dachverband werde der Gesundheitspolitik weiterhin das Manko des Gesetzes vor Augen führen, hieß es. So könnten auch die aktuell „mehr als 18.000 Rabattverträge der Krankenkassen jeden Medikationsplan von Millionen chronisch kranken Patienten untauglich machen bzw. unterlaufen“, wenn der Apotheker nicht von Anfang an in dessen Erstellung einbezogen sei. Die Apotheker begründeten ihre Befürchtung damit, dass das vom Arzt verordnete Arzneimittel in der Apotheke oft gegen ein preiswertes Rabattarzneimittel ausgetauscht werde, das anders heißt, auch wenn der Wirkstoff derselbe ist. Allein 2014 seien fast 350 Millionen Generika als Rabattarzneimittel abgegeben worden. Dazu komme die Selbstmedikation (mit fast 40 Prozent aller Arzneimittel und mehr als 500 Millionen Packungen pro Jahr), die in erster Linie nur der Apotheker kenne.

Positive Signale aus Rheinland-Pfalz zum E-Medikationsplan

Erste Auswertungen eines Modellprojekts zum E-Medikationsplan zeigen, dass die Technik einfach zu handhaben ist und Wechselwirkungen vermieden werden. Der Pilotversuch „Vernetzte Arzneimitteltherapie-Sicherheit (AMTS) mit dem elektronischen Medikationsplan in Rheinland-Pfalz“ sei erfolgversprechend, teilten die Projektträger mit. Das sind das Gesundheitsministerium des Bundeslandes, die Landesapothekerkammer, die Universitätsmedizin Mainz und die Techniker Krankenkasse. Bei dem Modellprojekt erhalten seit März dieses Jahres Patienten nach einem stationären Krankenhausaufenthalt einen Medikationsplan, der von Hausärzten und Apotheken elektronisch aktualisiert werden kann. Dabei werden in den Apotheken auch die Arzneimittel der Selbstmedikation erfasst. Wechselwirkungen konnten, so das Gesundheitsministerium, vermieden werden. Als Beispiel wurden Wechselwirkungen zwischen Magnesium- und Calciumpräparaten mit zeitgleich eingenommenen Schilddrüsenhormonen oder einigen Antibiotika genannt. Eine gleichzeitige Einnahme würde zu Unwirksamkeit oder deutlich verschlechterter Wirkung dieser Arzneimittel führen. Bisher nehmen 280 Patienten, 130 Ärzte sowie 240 Apotheken an dem Projekt teil.

„Gesetzgeber boxt die Vernetzung im Gesundheitswesen voran“

Dr. Klaus Bittmann

Dr. Klaus Bittmann

Die elektronische Gesundheitskarte sei trotz der gesetzlichen Vorgabe „um Jahre verspätet“ in die Hände der Versicherten gekommen, kritisierte rückblickend Dr. Klaus Bittmann, Erster Sprecher der Ärztegenossenschaft Nord eG. Die damit verbundenen Anforderungen an die Telematikinfrastruktur erwiesen sich auch heute noch als äußerst komplex. „Über eine Milliarde Euro hat die GKV bereits investiert – doch ein einheitliches Netz zur Datenübertragung lässt noch auf sich warten“, sagte Klaus Bittmann aus Anlass der Gesetzesverabschiedung gegenüber PERSPECTIV. Nicht die grundsätzliche, fundamentale Kritik aus der Ärzteschaft habe zu der stockenden Entwicklung geführt, „sondern technische Probleme, Anforderungen des Datenschutzes, Rückschläge bei Probeläufen sowie mangelhafte Gesamtkonzeption“.

Aber nun boxe der Gesetzgeber „und der forsche Gesundheitsminister Hermann Gröhe“ die elektronische Vernetzung voran: Fristen werden vorgegeben, verbunden mit Sanktionen, stellte der Sprecher der ÄG Nord fest. ‚Jetzt muss es klappen‘, sage jedenfalls das E-Health-Gesetz. In den vorausgegangenen Anhörungen seien jedoch reichlich Bedenken und Lieferschwierigkeiten der IT-Industrie vorgetragen worden. Auch sei von noch offenen Testphasen bei Online-Anwendungen die Rede. Klaus Bittmann: „Doch die Macher der Politik haben keine Geduld mehr, sie dirigieren auch hier in Aufgaben der Selbstverwaltung hinein.“ Doch habe es „keinen Sinn mehr, auf ein Umdenken zu bauen – die Würfel sind gefallen“.

Sinnvoll erscheint für Patienten und Ärzte jedenfalls die Entwicklung eines elektronischen Medikationsplans, verbunden mit Daten zur Überprüfung der Arzneimittelsicherheit, so Klaus Bittmann. Sinnvoll auch eine digitale Übertragung der Patientenbefunde zwischen Praxen und Kliniken. Was passiert dann parallel mit dem etablierten KV-Safenet, wenn denn die Telematik-Infrastruktur zum Funktionieren kommt?  Ob das alles klappt, inklusive elektronischer Patientenakte, wann und wie unsere Gesundheitspolitiker das wollen? Haben wir ein Debakel zu erwarten, wie bei manch anderem „Großprojekt“?

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