Gesundheitspolitik

Innovationsfonds – Übertragbarkeit wichtig für Projektauswahl

Gesteuert wird der Fonds von dem beim G-BA installierten Innovationsausschuss.

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Nahezu enthusiastisch hat sich jüngst Prof. jur. Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), zum 2016 gestarteten und bis 2019 laufenden Innovationsfonds mit seinem Gesamtvolumen von 1,2 Milliarden Euro geäußert. Unter den ersten bewilligten 91 Förderprojekten (29 zu neuen Versorgungsformen; 62 zur Versorgungsforschung) gebe es „viele mit enormem Potenzial, die weit über das hinausgehen, was wir schon jetzt in der sektorenübergreifenden Versorgung erreicht haben“, sagte Hecken in einem Interview mit dem Fachmagazin „Monitor Versorgungsforschung“ (Ausgabe 01/17, www.m-vf.de). Gesteuert wird der Fonds von dem beim G-BA installierten Innovationsausschuss.

Prof. Josef Hecken

Nach Angaben Heckens ist entscheidend, „dass nach den vier Jahren zumindest ein gewisser Prozentsatz der vom Innovationsausschuss geförderten Projekte entweder in größere Selektivverträge oder gar in die Regelversorgung und damit in den Kollektivvertrag übergehen.“ Bei der Umsetzung geförderter Projekte könne der G-BA „manches im Rahmen seiner Richtlinienkompetenz auf den Weg bringen“. Bestimmte strukturelle Veränderungen in der Versorgungslandschaft könnten nur per Gesetzesveränderungen erfolgen.

Laut Hecken muss bei der Auswahl der regionalen Projekte sehr genau darauf geachtet werden, „dass es nicht nur um partikulare, sehr lokale Problemlösungen geht, sondern die Übertragbarkeit für andere Regionen und Patientengruppen besteht.“ Viele der ersten – insgesamt knapp 700 – Antragsprojekte seien daran gescheitert, „dass sie nicht von vornherein die Übertragbarkeit in die Regelversorgung mitgedacht haben, sondern ganz spezielle regionale Problemlage adressiert wurden oder die auf ein bestimmtes bestehendes Netzwerk aufgesetzt haben, das nicht replizierbar ist“.

Prof. Hecken hob in dem Interview einige der „interessanten Projektansätze“ hervor, wie das folgende aus Hamburg, das eine Innovations-Förderung von knapp vier Millionen Euro erhält.

Beispiel: Versorgungsforschungsprojekt „ACD“

Ziel des gemeinsamen institutionenübergreifenden Versorgungsforschungsprojekts „Accountable Care in Deutschland – Verbesserung der Patientenversorgung durch Vernetzung von Leistungserbringern und informierten Dialog“ (ACD) ist es, die Abstimmung zwischen den an der Behandlung beteiligten Arztpraxen und Krankenhäusern zu verbessern und damit die Anzahl von potenziell vermeidbaren Klinikaufenthalte zu reduzieren.

Die wissenschaftliche Projektleitung und die Konsortialführung hat die Versorgungsforscherin Prof. Dr. Leonie Sundmacher inne, Leiterin des Fachbereichs Health Services Management an der betriebswirtschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians Universität in München. Die Studie geht davon aus, dass im deutschen Gesundheitssystem die Patienten durch ihre Inanspruchnahme maßgeblich mitentscheiden, welche Arztpraxen und ggf. Krankenhäuser bei der Behandlung zusammenwirken. Nicht immer sind aber alle betroffenen Ärzte rechtzeitig informiert, teils sind ihnen nicht alle anderen Beteiligten bekannt: Im Schnitt müsste ein Hausarzt jährlich mit rund 700 niedergelassenen Kollegen sprechen, um sich mit allen an der ambulanten Versorgung seiner Patienten beteiligten Ärzte abzustimmen.

Auf der Grundlage von Routinedaten sollen deshalb in Hamburg, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen die informellen Netzwerke von Praxen – und ggf. Krankenhäusern – erfasst werden, die Patienten gemeinsam versorgen und somit für diese „verantwortlich“ (accountable) sind. Rund 100 dieser Versorgernetzwerke werden randomisiert (nach dem Zufallsprinzip) ausgewählt. Ihnen werden in moderierten Gesprächsrunden Informationen zur Verfügung gestellt, mit denen die Beteiligten des Netzwerks Ansätze zur Verbesserung der Versorgungsabläufe erkennen und entsprechende Maßnahmen abstimmen können. Eine hohe Anzahl potenziell vermeidbarer Krankenhausaufenthalte bei den Patienten des jeweiligen Netzwerks gilt als Indikator für Verbesserungspotenzial in der ambulanten Versorgung. Mit der Umsetzung des Projekts wird voraussichtlich im zweiten Quartal 2017 begonnen. Es ist auf drei Jahre angelegt.

Weiterführende Informationen unter:  https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/


Hintergrund:   
Der Innovationsfonds ist ein gesundheitspolitisches Instrument zur Förderung der Integrierten Versorgung und Versorgungsforschung in Deutschland. Er beruht auf dem 2015 verabschiedeten GKV-Versorgungsstärkungsgesetz. Von 2016 bis 2019 wird ein mit jährlich 300 Mio. Euro ausgestatteter Fördertopf aufgelegt. Der Fonds besteht aus zwei Teilen: 225 Mio. Euro sollen jährlich dafür ausgeschüttet werden, um neue Versorgungsformen zu fördern, die eine Verbesserung der sektorenübergreifenden Versorgung zum Ziel haben und hinreichendes Potential aufweisen, dauerhaft in die Versorgung aufgenommen zu werden zu fördern. Mögliche Projekte sollen z. B. dem Ausbau der Telemedizin, der Versorgung in strukturschwachen Gebieten, der Delegation und Substitution von Leistungen, dem Auf- und Ausbau der geriatrischen Versorgung oder der Förderung der AMTS bei multimorbiden Patienten dienen. Weitere 75 Mio. Euro jährlich werden für die Versorgungsforschung zur Verfügung gestellt.

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