Gesundheitspolitik

Konfliktthema „Grundversorgung“: Es geht dabei auch um die Honorartöpfe

Der Hausärzteverband möchte die Honorartrennung zwischen Haus- und Fachärzten erhalten.

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Der seit Monaten schwelende Interessenskonflikt um die ärztliche Grundversorgung hält trotz einzelner Beschwichtigungen aus den Reihen der Hausärzte und Fachärzte unvermindert an. Erneut äußerten sich jüngst die Dachverbände: Der Deutsche Hausärzteverband wappnet sich – verbal martialisch anmutend – für den „Kriegsfall“. Rationaler hingegen der Spitzenverband der Fachärzte, der jüngst mit einer Art Resolution die nach seiner Auffassung „Fehlsteuerung in der ambulanten Grundversorgung“ in den Vordergrund stellt. Konkret geht es nun auch um die Honorartöpfe.

Der Hausärzteverband möchte die Honorartrennung zwischen Haus- und Fachärzten erhalten. Hauptgeschäftsführer Eberhard Mehl kündigte Ende Oktober auf der Praxis-Fortbildungsveranstaltung practica 2017 in Bad Orb an, gegen alle fachärztlichen Gruppierungen, die grundversorgend ureigene hausärztliche Tätigkeiten auch für sich reklamieren wollen, „die Kriegsflagge“ auszurollen. Gegenüber der „Ärzte Zeitung“ ergänzte Mehl, sein Verband werde den „honorarpolitischen Angriff“ auf die Hausärzte in keiner Weise hinnehmen. Die mühsam erkämpfte Honorartrennung zwischen Haus-und Fachärzten werde ausgehebelt, wenn künftig hausärztliche Leistungen grundversorgender Fachärzte aus dem Hausärztetopf finanziert würden, so Eberhard Mehl: „Wir werden mit allen Mitteln verhindern, dass die Fachärzte bei uns Gold zu schürfen versuchen.“

Fachärzte seien in keiner Weise fachlich für hausärztliche Aufgaben qualifiziert, stellte Dr. Michael Mühlenfeld, Tagungspräsident der Praktika und Vorsitzender des Instituts für hausärztlichen Fortbildung (IhF), fest. Die Tätigkeit eines Hausarztes sei sehr gut mit den Leistungen eines Zehnkämpfers zu vergleichen, der hierfür aber ein ganz anderes Training benötige als zum Beispiel ein Kugelstoßer, der lediglich in einer Disziplin der Spezialist sei. Viele Hausarzt-Patienten seien multimorbid, so die weiteren Argumente des Hausärzteverbandes, oder hätten keine eindeutige Erstdiagnose, die Fachärzte zur zielgerichteten Behandlung jedoch benötigten. Zudem bestehe die Gefahr, dass grundversorgende Fachärzte Kapazitäten binden, die Wartezeiten für eigentliche Facharzt-Patienten weiter unnötig verlängerten. Schließlich würden auch die Kosten steigen, „wenn künftig nicht nur weitergebildete Allgemeinärzte entscheiden, wann die Spirale für die teure Spezialversorgung durch Fachärzte im ambulanten und stationären Sektor in Gang kommen soll“.

Nach Darstellung des Verbandes war es in den vergangenen Monaten verstärkt zu Versuchen gekommen, hausärztliche Kompetenzen an bestimmte Facharztgruppen auszulagern. Zuletzt hatten einzelne Facharztverbände angeführt, dass die hausärztliche Versorgung auch von Gebietsfachärzten mitübernommen werden könne. Hierzu Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Hausärzteverbandes: „Diese Gedankenspiele zeigen uns wieder einmal, dass wir für die Identität unseres Faches kämpfen müssen“. Es gelte dabei, nicht nur die hausärztlichen Kompetenzen zu bewahren, „sondern verloren geglaubte Aufgabenbereiche zurückzuerobern, um so eine klare Bündelung der Verantwortung in der Hausarztpraxis sicherzustellen“, so Weigeldt.

Das Grundsatzpapier „Fachärzte in der Grundversorgung“

Aktuell hat Mitte November der Spitzenverband der Fachärzte e.V. (SpiFa) sein Grundsatzpapier „Fachärzte in der Grundversorgung“ veröffentlicht, das direkt an die Forderungen der Fachärzte anschließt, die in der Zusammenfassung „Facharzt 2020″ (Juni 2016) verankert worden sind. Dieses ergänzende Papier stellt die Grundversorgung der Patienten in den Fokus und hat zum Ziel, so der SpiFa, „die bestehende Fehlallokation und die damit einhergehende Fehlsteuerung in der ambulanten Grundversorgung in der Fläche zu beseitigen“.

Mit dieser Positionierung verknüpfen der SpiFa und seine Mitgliedsverbände für die deutschen Fachärzte in Klinik und Praxis den Wunsch einer nachhaltigen Verbesserung der Qualität der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung in Deutschland. Diese könne nur dann erreicht werden, wenn stärker als bislang das Entwicklungspotenzial ausgeschöpft werde, das in der breiten und nachhaltigen Anwendung digitaler Instrumente und Medien liege. „Eine effiziente Vernetzung zwischen den leistungserbringenden Akteuren ist die Konsequenz daraus und führt zu einer optimierten Grund- und Akutversorgung im Sinne der Patienten“, heißt es in den Thesen. Herausfordernd seien insbesondere „Fehlanreize der Akutversorgung im Sinne einer bislang ineffektiven Patientensteuerung“.

Der SpiFa unterstützt auch die Forderung der KBV nach Entbudgetierung ärztlicher Leistungen. Diese Budgetierung sei für den spürbaren Landarztmangel und Arztmangel in sozialen Brennpunkten der Städte, für zunehmenden Zeitmangel in Arztpraxen aufgrund notwendigen Abbaus von Personal und für den Investitionsstau in der ärztlichen Versorgung verantwortlich. Der SpiFa fordert feste Preise ohne Mengenbegrenzung für alle ärztlichen Leistungen: Als Einstieg seien hierfür „in der Grundversorgung der Patienten alle relevanten Betreuungs- und Koordinationsleistungen sowie die Leistungen, die mit der pauschalierten fachärztlichen Grundvergütung belegt sind, aus der Morbiditätsbedingten Gesamtvergütung (MGV) herauszunehmen und in die Extrabudgetäre Gesamtvergütung (EGV) zu überführen“. Die ambulante medizinische Grundversorgung zu budgetieren, sei sozial ungerecht“, so SpiFa-Vorstandsvorsitzender Dr. Dirk Heinrich in der Begründung für die Forderung.

Wie weit ein Kompetenzgerangel im Bereich der Gesundheitsversorgung gehen kann, zeigt ein aktuelles Beispiel aus der Schweiz. Dort sollen die Apotheker laut Gesetz mehr Kompetenzen erhalten und in einigen Fällen ohne Rezept dispensieren dürfen, berichtete das Apothekerportal DAZ.online (15. November 2017). Ähnlich läuft es bei einem schweizerischen Modellprojekt, bei dem speziell weitergebildete Apotheker anhand von wissenschaftlich fundierten Ablaufdiagrammen eine Erstabklärung (Triage) gesundheitlicher Beschwerden vornehmen. Die Baseler Hausärzte sind erzürnt. Sie sehen das als „Frontalangriff auf die erfahrenen Grundversorger“.

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