Gesundheitspolitik

„Realität und Gesetze klaffen auseinander“

Rückkehr zur ärztlichen Therapie- und Handlungsfreiheit gefordert

Eigenes Archiv

von Dr. Gunnar Herberger, Vorsitzender des BVÄG und Vorsitzender Ärztenetz Neustadt an der Weinstraße

Dr. Gunnar Herberger

Dr. Gunnar Herberger

Die Realität der medizinischen Versorgung im ambulanten Bereich und die vorgesehenen neuen gesetzgeberischen Maßnahmen klaffen zunehmend auseinander. Wir brauchen eine Rückkehr zur Therapie- und Handlungsfreiheit des Arztes, wir benötigen die finanziellen und zeitlichen Spielräume für eine sorgsame und nachhaltige Patientenversorgung, wir brauchen klare und eindeutige Regelungen, die Sicherheit und Zuversicht geben. Gefordert ist zudem viel weniger Bürokratie. Das schon wäre eine Stärkung der Versorgung. Doch das so genannte Versorgungsstärkungsgesetz und die kommenden Strafparagraphen 299a/300 lösen die drängenden Probleme nicht.

Die Reaktion der Politik auf die zunehmende Problematik der medizinischen Versorgung der immer älter werdenden Bevölkerung ist absolut unzureichend. Das politische Handeln aber ist wesentlich vom Prinzip geprägt, keine Kosten entstehen zu lassen und immer weiter steigende Forderungen an die Versorgungsqualität und den Versorgungsumfang zu stellen. Statt Problemlösungen entstehen mehr Bürokratie und Regulierungen, zusätzliche Forderungen an die Ärzte, Mehrkosten und wohl eher eine Verschlechterung der Versorgungssituation. Diese ist im ambulanten Bereich zunehmend davon gekennzeichnet, dass die Probleme aus steigender Morbidität und Altersentwicklung von den niedergelassenen Ärzten kaum noch bewältigt werden können.

Mit der stationären Patientenversorgung allein können die Herausforderungen nicht bewältigt  werden, die sich durch die Multimorbidität, in der Geriatrie und bei den sozialen Begleitumständen ergeben. So entsteht eine zusätzliche Belastung für die Arztpraxen. Volle Wartezimmer, länger werdende Terminlisten sind kein Zufall, sondern Folge dieser Entwicklung. Zwar ist die Honorierung der Fallwerte in den vergangenen Jahren leicht gestiegen. Das reicht aber nicht aus, um die Strukturen und Organisationen aufzubauen, die notwendig sind, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden.

Die Kooperation zwischen Hausarzt und Fachärzten wird schwieriger. Die Hausärzte haben massive Nachwuchsprobleme; die Fachärzte wenden sich verständlicherweise zunehmend interventionellen Tätigkeiten, operativen Tätigkeiten sowie stationsersetzenden und spezialfachärztlichen Vorgehensweisen zu. Dabei ist bundesweit die Tendenz festzustellen, Facharztsitze in MVZs zusammenzufassen bzw. von Klinikträgern aufkaufen zu lassen, die diese dann zum Zwecke der Rekrutierung für stationäre oder Spezialeingriffe nutzen.

Doch wie reagiert die Politik drauf? Bei steigenden Anforderungen an die Versorgung sollen Praxen geschlossen werden. Die übrig bleibenden Praxen sollen über ein Termin-Zwangsmanagement zu zusätzlicher Arbeit verpflichtet werden, selbstverständlich bei gleich bleibendem Honorar. Ärztliche Kooperationen, so die Hausarzt-Facharzt übergreifenden Organisationen, werden durch schwammige und schlechte Formulierungen im Gesetzestext der Gefahr der Kriminalisierung ausgesetzt. Und laut GBA-Beschluss sollen Ärzte, die eine stationäre Therapie veranlassen, nachweisen, dass sie vorher sämtliche ambulanten Therapieformen in Erwägung gezogen haben – auch solche, die ihnen gar nicht bekannt sind.

Auch lässt die Umsetzung von Verträgen flächendeckend stark auf sich warten, also alle alternativen Versorgungsstrukturen, die gemeinsam entwickelt werden könnten. Es bestehen erhebliche bürokratische und verwaltungstechnische Hindernisse oder die Krankenkassen blockieren schlicht und ergreifend die für sie z. B. bindend vorgeschriebenen Hausarztverträge. Das hat für die Kassen keine Konsequenzen. Zudem werden die ärztliche Verordnungshoheit und Planbarkeit der Medikation über die Rabattverträge der Kassen erschwert und eingeschränkt. Bürokratie und Dokumentation verlängern quälend den Arbeitsalltag eines jeden niedergelassenen Arztes. Die Regressgefahr ist keineswegs gebannt, im Gegenteil – manche Kassen forcieren die Regresse systematisch.

Nimmt man uns denn überhaupt noch ernst? Hört man unseren Vertretern denn überhaupt zu? Wird die ärztliche Leistung überhaupt noch anerkannt? Eine Politik die den niedergelassenen Arzt bei seiner täglichen Arbeit unterstützt, die den Erfolg dieser Arbeitswert schätzt, sieht anders aus. Wenn sich die Umstände nicht bald und nachhaltig ändern, werden wir diese Änderungen mit viel mehr Nachdruck einfordern müssen – ansonsten wird der ärztliche Berufsalltag schwieriger und sich die Versorgung der Patienten deutlich verschlechtern.

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