Gesundheitspolitik

Wie steht es um die Patientenversorgung im Zeichen der Rabattverträge?

Eine unabhängige Evaluation der ersten zehn Jahre und entsprechende Anpassungen sind dringend nötig.

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Am 1. April 2007 wurde im Rahmen des GKV-WSG das Instrument der Rabattverträge eingeführt, das der Kostenexplosion im Gesundheitswesen entgegenwirken sollte. Dieses Konstrukt hat auch zehn Jahre danach Gesprächsbedarf. Es trifft bei den Akteuren des Gesundheitswesens meist auf keinen Konsens. Das hat auch der 21. Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik am 14. Juni 2017 in Hamburg gezeigt. Das Fazit der Diskussion: Das System braucht Preisregulierungsmechanismen, wobei Rabattverträge geeignet sind, um Kosten zu sparen. Aber:
Eine unabhängige Evaluation der ersten zehn Jahre und entsprechende Anpassungen sind nötig, um Gefahrenquellen wie Oligopolbildung, Lieferprobleme, sinkende Arzneimittelsicherheit, Reduktion der Darreichungsformen und schlechte Compliance-Werte auszuschließen sowie einen Blick auf die durch die Rabattverträge ausgelösten Folgekosten in die Bewertung der Kosteneinsparungen aufzunehmen.

Selten zuvor war ED-Chairman Prof. Achim Jockwig (Direktor der CARL REMIGIUS Medical School/Hochschule Fresenius gGmbH, Idstein) mit so kontrovers argumentierenden Referenten konfrontiert. Von einigen Experten als erfolgreiches Werkzeug zur Versorgungs- und Ausgabensteuerung gelobt, bewerteten andere die Bereiche Evaluation, Liefersicherheit und Oligopolbildung teils äußerst kritisch.

Aus der Politik kam das Plädoyer für höhere ethische Standards im Rahmen der Ausschreibungen. Die Abhängigkeit von internationalen Märkten wurde genauso düster gezeichnet wie die Aussichten für das Bestehen pharmazeutischer Mittelständler und in der Folge die Versorgungssicherheit der Bevölkerung.

Die wissenschaftliche Sicht vertrat Prof. Dr. Gerd Glaeske (Versorgungsforscher, Uni Bremen). Dann schilderte der „Vater der Rabattverträge“ Dr. Christopher Hermann (Vorstandsvorsitzender AOK Baden-Württemberg) die Perspektive der Krankenkassen. Dr. Martin Zentgraf (Vorstandsvorsitzender BPI) erläuterte die Probleme insbesondere der mittelständischen Industrie, Prof. Dr. Stephan Schmitz (Vorstandsvorsitzender BNHO) sprach für die Ärzteschaft und Thomas Stritzl (MdB, Mitglied im Gesundheitsausschuss) spannte den Bogen zu politischen Visionen und Rahmenbedingungen.

Gerd Glaeske machte deutlich: Rabattverträge sind ein wirksames Mittel zur Kostenreduktion, jedoch müssten bestimmte Begleiterscheinungen näher untersucht werden. Dazu gehören die Mengenkomponenten, aber auch die nachlassende Preissensibilität der Ärzte sowie die Austauschfähigkeit der Generika. Die unterschiedliche Bioverfügbarkeit sei ein Problem. „Ich kann nicht akzeptieren, dass dieser Effekt noch immer geleugnet wird“, betonte Glaeske. Die Austauschverbotsliste von 2014 nehme sich dieses Themas zwar an, greife aber noch zu kurz. Zudem werde der Qualität der Versorgung sehr viel weniger Aufmerksamkeit geschenkt als dem ökonomischen Aspekt. Glaeske: „Denn wie will man ein Instrument bewerten, wenn der Patient als entscheidender Faktor kaum mit in die Betrachtung einfließt? Nur, weil etwas Geld spare, ist es nicht zwangsläufig gut. Ich kenne keine unabhängige Evaluation der Rabattverträge, das ist etwas, das ich gerne hätte.“

Keine Zweifel an der Erfolgsgeschichte der Rabattverträge zeigte Christopher Hermann, Initiator und Verhandlungsführer der Ausschreibungen des AOK-Systems. Deutschlandweit beträgt das derzeitige Einsparvolumen 3,9 Mrd. Euro. Weitere Vorzüge des Systems laut Hermann: Die Oligopolbildung werde reduziert, da kleinere Unternehmen durch das überwiegend genutzte Einpartnermodell eine Chance und Planungssicherheit bekämen. Zudem sei die Liefersicherheit aufgrund der hohen Transparenz einzigartig. „Wir müssen von der falschen Diskussion wegkommen, wir hätten ein Problem bei der Versorgung mit Rabattarzneimitteln.“ Der dringende Optimierungsbedarf bestehe im Patentbereich und bei Klinikarzneimitteln.

Martin Zentgraf meinte, dass „die Richtung, in die es läuft, ist mittelstandsfeindlich und gemeingefährlich, sie führt zu Oligopolisierung.“ Die Folgen seien auch für die Versicherten fatal: So hätten die drei führenden Hersteller bei generischen Wirkstoffen eine Marktkonzentration von bis zu 100 Prozent. Wenn einer dieser Hersteller ein Lieferproblem bekomme, könne niemand Ausfälle im Bereich der Basistherapie verhindern. Darüber hinaus komme es zu einer Verknappung der Darreichungsformen, indem beispielsweise Filmtabletten oft durch billiger zu produzierende Tabletten substituiert würden, die aber für Patienten weniger gut zu schlucken seien. Zudem würden auch Wirkstoffe unterschiedlicher Konzentration substituiert. Die Verantwortung hinsichtlich geänderter Dosierung werde Ärzten oder Apothekern zugeschoben, was weder verantwortungsvoll noch gerecht sei. Die Ärzte hätten zwar die Therapiehoheit, befänden sich aber oft in einer Vermeidungshaltung aus Sorge vor Regress. Als Voraussetzungen für zukunftsfähige Rabattverträge nannte er u. a. das Verbot von Ausschreibungen bei weniger als vier Anbietern, die jeweilige Integration von mindestens einem Anbieter mit europäischer Produktionsstätte, keine Rabattverträge bei versorgungskritischen Wirkstoffen sowie Substitution nur bei Identität.

Thomas Stritzl meinte, die Politik müsse Preisdämpfungsmechanismen etablieren, damit die Bevölkerung trotz der demographischen Entwicklung angemessen versorgt werden könne. Das Rabattsystem habe entscheidend dazu beigetragen, Kosten zu regulieren. Die Zahlen zeigten aber, dass der Zenit erreicht sei und man nun nach Versorgungssicherheit, Marktverhalten und Wirkstoffherstellungssicherheit fragen müsse. Einerseits sei es die Aufgabe der Politik, den Lebensstandard der Bevölkerung zu erhalten, andererseits würde der Preiswettbewerb im Rahmen von Ausschreibungen das Lohnniveau verringern und eine Verlagerung der Produktion ins Ausland fördern, bei der man schlechte Arbeitsbedingungen, geringe Umweltstandards und Produktionsrisiken in Kauf nehme. Es gelte zu verhindern, dass Firmen, die mit hohen Sicherheitsstandards produzierten, in Deutschland ein Nachteil entstünden.

In der Diskussion äußerten sich Ärzte verunsichert angesichts der Forderung nach der Durchsetzung ihrer Therapiehoheit auch in Anbetracht der aktuellen Richtgrößenablösungen. Auch kamen Zweifel am scheinbaren Konsens der Kosteneinsparung von 3,9 Mrd. Euro auf. Denn dieser Wert berücksichtige weder die Preise der Produkte, die ohne Rabattverträge verordnet würden, noch weitere Mechanismen der Preisregulierung und vor allem auch nicht die Folgekosten der Rabattverträge, die sich beispielsweise aus sinkender Compliance ergeben.

Der vollständige Berichtstext ist hier nachzulesen:
http://www.eppendorferdialog.de/veranstaltungen/10-jahre-rabattausschreibungen-wie-steht-es-um-die-versorgung-der-patienten.html

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