Medikation

Gemengelage und neue bürokratische Hürden

© Stefan Redel – Fotolia.de

Der gesundheitspolitischen Forderung nach einem einheitlichen Medikationsmanagement steht zurzeit eine verwirrende Gemengelage gegenüber: Medikationscheck, Medikationsplan, Arzneimittelkonto und medikamentöses Entlassungsmanagement müssen von den Experten der Versorgungslandschaft auf einen sektorenübergreifenden Nenner gebracht werden. Die neuen gesetzlichen Vorgaben (E-Health und Versorgungsstärkung) rufen danach, die Fakten unter einen Hut zu bringen. Dann lassen sich auch abstruse Formulierungen vermeiden, wie z. B. bei der neuen Kleinstpackungs-Anordnung in Sachen Entlassmanagement nach Klinikaufenthalt: Es müsse „eine Packung verordnet werden, deren Packungsgröße die Größe einer Packung mit dem kleinsten Packungsgrößenkennzeichen gemäß Packungsgrößenverordnung nicht überschreitet“.

Was passiert zurzeit „am Markt“? Die KV Nordrhein z. B. bietet ihren Mitgliedern einen neuen Medikationsservice. Die Praxen können sich bei der Beurteilung komplexer Arzneimitteltherapien durch einen eigenen Medikationscheck unterstützen lassen. Diesen Online-Check übernimmt ein Team aus Apothekern und Pharmakotherapie-Beratern. Der Service läuft so ab: Der Arzt füllt ein Online-Kontaktformular aus, das auf der KV-Homepage abrufbar ist. Dokumente anzuhängen ist nicht möglich, damit keine patientenbezogenen Daten übermittelt werden. Die Frage wird anonym weitergeleitet und vom Expertenteam auf Basis aktueller evidenzbasierter und leitliniengestützter Kriterien sowie unter wirtschaftlichen und zulassungsrelevanten Aspekten bearbeitet. Beantwortet werden beispielsweise Fragen zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW), zur geriatrischen Pharmazie oder auch zur Bewertung aktueller Arzneimittelstudien.

Ein Pluspunkt des Medikationschecks: Anders als bei schon existierenden ähnlichen Projekten, bleibt die Entscheidung und Therapieverantwortung vollständig unter ärztlicher Kontrolle, auch wenn der Arzt sich qualifiziert beraten lässt. Die Berater selbst haben keinen Kontakt zum Patienten und stützen sich auf die anonym übermittelten Angaben. Die Antwort erhält der Arzt am folgenden Werktag.

Eine weiteres Projekt kommt aus Nordrhein-Westfalen: Das Arzneimittelkonto. Die CompuGroup Medical (CGM) präsentierte es Anfang Oktober bei der Veranstaltung „E-Health.NRW“ in Düsseldorf. Bei dem gemeinsamen Projekt des Lehrstuhls für Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement der Uni Bielefeld in Zusammenarbeit mit der Ärztlichen Qualitätsgemeinschaft Lennetal (vgl. http://www.perspectiv.de/aerztenetze/lennetz-gmbh-aerztliche-qualitaetsgemeinschaft-im-lennetal) haben die Beteiligten für 1.000 Patienten ein elektronisches Arzneimittelkonto eingerichtet, auf das  alle behandelnden Ärzte zugreifen können. In das elektronische Konto fließen alle Informationen über verordnete Arzneimittel sowie OTC-Präparate ein. Die freiverkäuflichen Medikamente können von den Patienten selbst eingetragen werden. In die Arztsoftware ist die spezielle Prüfsoftware i:fox integriert, mit der die Überprüfung der Medikamentendaten erfolgt. Bei Auffälligkeiten erscheint ein roter Marker auf dem Bildschirm. Der Arzt kann dann sehen, welche Wechselwirkungen oder Risiken vorliegen. Es gebe eine hohe Akzeptanz bei den Ärzten, weil sie kaum Zusatzaufwand haben, berichtete die CGM.

Die Kernfrage ist weiterhin offen

Unabhängig von den genannten Initiativen bleibt abzuwarten, ob sich die Ärzte allein oder gemeinsam mit Apothekern bei Themen wie Medikationscheck und Medikationsplan in ein Boot begeben. Denn in Apotheken gebe es aktuell ebenfalls ein buntes Potpourri, fasst der Online-Dienst „apotheke adhoc“ (25.09.2015) die Situation zusammen. So führt der Infodienst unter anderem ATHINA als Fortbildungsangebot für Apotheker auf, bei dem es um das strukturierte Medikationsmanagement geht. Ein weiteres Pilotprojekt verfolgt aktuell die Apothekengruppe Linda. Das eigene Interaktionsregister zeigt Neben- und Wechselwirkungen zur Unterstützung der Beratung an. Neben den Linda-Apothekern können auch Ärzte auf die Software zugreifen; während der laufenden Testphase nehmen aber keine Mediziner teil. Und die Gruppe Elac Elysée kooperiert mit dem Privatversicherer DKV. Am DKV-Medikationscheck beteiligen sich in Berlin, Hamburg und München knapp 50 Apotheken, die 80 Euro pro Analyse erhalten. Auch die Techniker Krankenkasse bezahlt als einzige große Ersatzkasse die Apotheken für die Beratung, hieß es.

Extravergütungen fordern die Apotheker generell für ihre Leistung, sprich für umfassende Medikationsanalysen. Das Medikamentionsmanagement müsse von den Apothekern führend in die Hand genommen werden, fordert die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) seit Wochen. Die Hausärzte dürften nicht die Alleinentscheider sein, hieß es von der ABDA immer wieder. Wer sich Zeit nehmen wolle, „mit Patienten auch einmal über Farbe und Geschmack ihrer Tabletten zu sprechen“, der müsse sich diese nehmen können, und das seien die Apotheker. Weiteres ABDA-Argument: 88 Prozent der Befragten mit Polymedikation haben eine Stammapotheke. Nur in dieser seien alle Medikamente eines Patienten bekannt.

Wie nun auch noch das Entlassmanagement (auch Entlassungsmanagement genannt) in die künftigen Medikationspläne eingepasst werden kann, ist ebenfalls noch offen: Denn auch die Krankenhäuser dürfen künftig Arzneimittel verordnen. So gibt es das neue VSG vor. Die Ausgestaltung dieses Verordnungsrechts (neu: § 39 Abs. 1a SGB V) wurde dem GBA übertragen, der dazu Anfang September einen Richtlinienentwurf vorlegte. Diese wird zurzeit von der medizinischen und pharmazeutischen Wissenschaft, Praxis und von den Organisationen beraten. Der GBA-Vorschlag: Die Arzneimittel-Richtlinie (AM-RL) soll in § 8 einen neuen Absatz 3a bekommen. Darin heißt es unter anderem: „Die durchgehende Versorgung einer Versicherten oder eines Versicherten mit Arzneimitteln nach dem Krankenhausaufenthalt ist sicherzustellen.“ Das Krankenhaus müsse prüfen, ob für die Arzneiversorgung unmittelbar nach der Entlassung eine Verordnung erforderlich sei. Dabei sollen sowohl medizinische als auch organisatorische Aspekte berücksichtigt werden. Sofern auf die Entlassung ein Wochenende oder ein Feiertag folge, können Krankenhäuser dem Versicherten auch die für die Versorgung erforderlichen Arzneimittel mitgeben (§ 14 Abs. 7 ApoG) – insbesondere dann, wenn die medikamentöse Behandlung durch die Reichweite der mitgegebenen Arzneimittel abgeschlossen werden kann.

Kliniken müssen Vertragsarzt rechtzeitig informieren

Mit der neuen Vorschrift werden die Krankenhäuser/Kliniken verpflichtet, den weiterbehandelnden Vertragsarzt „rechtzeitig“ im Hinblick auf die medikamentöse Therapie bei Entlassung, deren Dosierung und die im Rahmen des Entlassmanagements verordneten Arzneimittel informieren. „Dabei sind insbesondere Änderungen einer vor Aufnahme bestehenden und dem Krankenhaus bekannten Medikation, darzustellen und zu erläutern sowie ggf. Hinweise zur Therapiedauer neu verordneter Arzneimittel zu geben.“ Zur Beachtung der Wirtschaftlichkeit gibt es eine besondere Anweisung (§ 9 Abs. 3): Krankenhäuser dürfen nur die Packung mit dem kleinsten Größenkennzeichen verordnen.

Auch der § 11 der AM-RL wurde überarbeitet: Das für eine Verordnung auf Kassenkosten erforderliche „Kassenrezept“ wird grundsätzlich zum „Arzneiverordnungsblatt“ umbenannt („Voraussetzung für die Arzneiversorgung im Rahmen des Entlassmanagements ist zukünftig eine Verordnung auf einem ordnungsgemäß ausgestellten Arzneiverordnungsblatt“). Entlassmanagement-Verordnungen sollen als solche gekennzeichnet werden, um eine Unterscheidung von regulären vertragsärztlichen Verordnungen mit einer einmonatigen Gültigkeit zu ermöglichen. Krankenhaus-Verordnungen dürfen Apotheken nur innerhalb von drei Werktagen (Werktage sind die Wochentage von Montag bis Samstag) beliefern. Zudem wird klargestellt, dass Änderungen und Ergänzungen zu einer ausgestellten Verordnung der erneuten Unterschrift mit Datumsangabe bedürfen.

Stellungnahme der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände vom 14. Oktober 2015 zur Änderung der Arzneimittelrichtlinie: Entlassmanagement
http://www.abda.de/uploads/tx_news/Stellungnahme_GemBa_AM-RL_Entlassmanagement.pdf

Hinterlassen Sie einen Kommentar