Medikation

Das Beispiel Metoprolol 200mg Retard: Rabattverträge können Therapiesicherheit nicht garantieren

In den Monaten Februar bis Juni kam plötzlich Unruhe in einen schon seit Jahrzehnten etablierten Wirkstoffmarkt.

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In den Monaten Februar bis Juni kam plötzlich Unruhe in einen schon seit Jahrzehnten etablierten Wirkstoffmarkt. Was war passiert? Der Hersteller Sandoz mit seinen in Deutschland bekannten Tochterunternehmen Hexal und 1A konnte seinen Verpflichtungen aus diversen Rabattverträgen, vornehmlich mit der AOK, nicht nachkommen und die Arzneiform Metoprolol Tartrat 200mg Retard in der 100er Packung nicht mehr ausreichend bereit stellen.

Laut einer Veröffentlichung des Apotheker-Portals apotheke-adhoc.de wird der Grund in der kürzlich erfolgten Verlagerung der Produktionsstätte nach Polen gesehen, wo die Herstellroutine erst aufgebaut und Produktqualitäten abgesichert werden müssen. Eine Vermutung, die sich mit aktuellen Problemen bei Enalapril HCT und Ramipril HCT zu decken scheint.

Zu vermuten bleibt weiterhin, dass wirtschaftliche Gründe diese Fehlentwicklung angetrieben haben. Metoprolol ist mit insgesamt über 18 Millionen Packungen (alle Wirkstärken kumuliert) einer der Blockbuster-Märkte im GKV-Bereich. Erfolge kauft sich die Industrie durch die Rabatte teuer ein, verdient wird kaum noch, auch die Festbeträge setzen enge wirtschaftliche Grenzen. Die Sandoz-Gruppe kommt so insgesamt auf einen Marktanteil von deutlich über 50%.

Bezogen auf die betroffene Retard-Form haben Hexal/1A sogar über 60% Marktanteil, das heißt, bei dem im Mai eingetretenen Komplettausfall lässt sich hochrechnen, dass mehr als 30.000 Patienten betroffen gewesen sind, die ad hoc ein anderes Medikament erhalten mussten. Über die bisherigen fünf Monate liegt die Zahl entsprechend deutlich höher.

Nun wird ja die Substitution vom Gesundheitssystem ohnehin als die Grundregel postuliert, letztlich egal, was die Patienten erhalten. Doch so einfach ist es eben nicht, was sich in diesem Fall nicht nur qualitativ sondern auch quantitativ bestätigen sollte.

Die Versorgungsknappheit zog um sich. Anfänglich konnten Apotheker vielfach noch (im Rabattgebahren) erlaubte Alternativen abgeben. Doch auch andere Pharmakonzerne konnten den sich verlagernden Bedarf mehrfach nur temporär bedienen. Es entstand ein regelrechter Hype, speziell in den deutschen Apotheken, die letzten verbliebenen Anbieter aufzuspüren. Den Aufwand, bei der Industrie nachzufragen, den Patienten zu vertrösten und aufzuklären, eventuelle Rezeptanpassungen mit der Ärzteschaft zu klären, Abrechnungs- und Warenwirtschaftssysteme zu steuern, bekommt keiner bezahlt. Auch die Ärzte nicht, die das eigene Regime zur Aufrechterhaltung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) torpediert sehen, die Medikationspläne und Patientenaufklärung neu initiieren müssen.

Und was passiert jetzt? Das Problem weitet sich aus. Auch die Patienten anderer Anbieter sind jetzt betroffen. Durch die Verlagerung des Bedarfs verlagert sich auch die Verknappung. Das trifft die meisten Unternehmen völlig unvorbereitet, denn Metoprolol ist durch die Rabattdominanz längst kein Markt mit offenen Wettbewerb mehr. Wer als Patient was bekommt, ist somit zu einem Glücksspiel geworden. Es wird Monate brauchen, bis Stabilität wieder erreicht werden kann. Wenn überhaupt, denn letztlich geht es den Krankenkassen bei den Rabattausschreibungen nicht primär um eine verlässliche, vertrauensfördernde Medikation. Therapiesicherheit kommt bestenfalls nach sparen, sparen, sparen.

Regelrecht leergefegt: Metoprolol 200 mg Retard von Q-Pharm

Aus aktuellem Anlass haben wir Christoph Meyer als Vorstand von Q-Pharm zur Liefersituation von Metoprolol 200 mg Retard befragt.

Christoph Meyer

Christoph Meyer

„Unser Vorrat ist in den letzten Wochen regelrecht leergefegt worden“ antwortete Christoph-Meyer. „Von einem auf den anderen Tag stieg die Nachfrage nach unseren Jutabloc® 200 mg Retardtabletten um das 10-fache an. Die Telefone standen kaum still, weil Apotheken uns händeringend nach Ware fragten. Darauf waren wir natürlich nicht vorbereitet, sodass unser ganzer Vorrat für die nächsten 3 Monate aufgebraucht wurde. Einerseits sind wir froh, dass wir diese Apotheken beliefern und somit den Fortlauf zahlreicher Therapien sichern konnten. Auf der anderen Seite sind wir aber erschüttert darüber, dass sämtliche Bemühungen um Arzneimitteltherapiesicherheit so einfach ausgehebelt werden können.“

Christoph Meyer führte dann noch weiter aus: „Es kann doch nicht sein, dass Rabattverträge den Großteil der Versorgung in die Hände eines Konzerns legen. Wenn diese plötzlich ausfallen, dann sind immer die Patienten die Leidtragenden. Und wir Ärzte dürfen es ausbaden.“

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