Medikation

Neue Studie gibt Ratschläge für AMTS-Verbesserung bei älteren Patienten

Denn gerade der Alterspatient kann medikativ nicht vom allgemeinen Standpunkt aus betrachtet werden.

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Die Pharmakotherapie älterer Patienten ist aufgrund physiologischer Besonderheiten und häufiger Multimorbidität bekanntlich eine Herausforderung für die behandelnden Ärzte. Auch individuelle Unterschiede zählen zur Problematik, denn gerade der Alterspatient kann medikativ nicht vom allgemeinen Standpunkt aus betrachtet werden. Für die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) älterer Patienten stellt sich insbesondere bei Polymedikation bei der Bewertung im klinischen und ambulanten Alltag stets die Frage nach Wechselwirkungen bzw. Unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) der einzunehmenden Arzneimittel. Dabei besteht eine besondere Relevanz für Ältere bezüglich bestimmter Interaktionen. Die Ergebnisse einer umfassenden Studie zur Frage, wie relevantes wechselseitiges Einwirken von Medikamenten aufgedeckt werden kann, lieferte aktuell der Fachbereich Klinische Pharmazie am Pharmazeutischen Institut der Universität Bonn*.

Für die Praxis empfiehlt die Untersuchung, dass für die Risikobewertung bei älteren Patienten und deren AMTS neben der Art und Anzahl der Arzneimittel diese Aspekte gelten:

  • Finden sich Informationen der verordneten bzw. der zu verschreibenden Arzneimittel zu einem nachweislich erhöhten Risiko, z. B. in der zuletzt 2015 aktualisierten Beers-Liste
  • Liegen physiologische Veränderungen beim Patienten vor, die den Interaktionsmechanismus beeinflussen und das UAW-Risiko erhöhen?
  • Zählen die zu erwartenden Folgen einer Interaktion zu den üblichen UAW, die im Alter häufig bzw. problematisch sind?
  • Liegen bereits Symptome vor, die durch die Interaktion verstärkt werden können?

 Außerdem wird empfohlen (auch in Anbetracht des neuen, vorgeschriebenen Medikationsplans):

  • Vollständige und regelmäßige Arzneimittel-Anamnese mit Interaktionscheck
  • Berücksichtigung von Selbstmedikation und Nahrungsmitteln
  • Berücksichtigen von Begleiterkrankungen, Symptomen, physiologischen Veränderungen
  • Eine klare Indikationsstellung
  • Arzneistoffe mit geringer therapeutischer Breite oder steriler Dosis-Wirkungs-Beziehung vermeiden
  • Vermeidung von Arzneimitteln mit starker Gegenregulation beim Absetzen und von Wirkstoffen mit erhöhtem Risikopotential im Alter
  • Prüfung auf vorliegende UAW und Auswahl alternativer Arzneistoffe mit geringem Interaktionspotential (anhand Listen Beers, Priscus, FORTA)
  • Dosisanpassung
  • Sensibilisierung des Patienten, über unspezifische Symptome (wie Schwindel, Kraftlosigkeit, Verwirrtheit) zu berichten
  • Notwendigkeit einer Medikation regelmäßig überprüfen  

Werden die vorgenannten Punkte berücksichtigt, so lassen sich laut Studie individuelle Risiken besser abschätzen und mögliche UAW erkennen bzw. vermeiden.

*Die Arbeit von Dr. Ronja Woltersdorf, Kerstin Bitter und Jan-Frederik Schlender wurde am 13. Juni 2016 online publiziert vom Springer-Verlag (Berlin/Heidelberg) sowie in der Fachzeitschrift „Der Internist“ (7/2016) veröffentlicht. 


Beers, Priscus und FORTA

Vorreiter der AMTS bei älteren Patienten ist der US-amerikanische Geriater Mark H. Beers (1954-2009). Er veröffentlichte 1991 die nach ihm benannten Kriterien, womit er auf die Problematik aufmerksam machte, dass Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln bei älteren Patienten unzureichend untersucht sind und somit besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Die Beers-Kriterien sind jedoch auf die in den USA verfügbaren Arzneistoffe zugeschnitten, was ihre Anwendung im deutschen Verschreibungsalltag erschwert. In ihrer aktuellen Version von 2015 bestehen die Beers-Kriterien nicht nur aus umfangreichen Tabellen potenziell ungeeigneter Arzneistoffe; ihr Mehrwert liegt in Informationen zu potenziell klinisch relevanten Arzneimittelinteraktionen und Dosisanpassungen bei Niereninsuffizienz. Die Arbeitsgruppe von Prof. Kristina Friedland (Uni Erlangen-Nürnberg) hat gemeinsam mit Prof. Martin Smollich (praxisHochschule Rheine) eine Übersetzung der jüngsten Beers-Kriterien in der Medizinischen Monatsschrift für Pharmazeuten veröffentlicht. Dabei wurden die in Deutschland verfügbaren Arzneistoffe sowie Angaben aus deutschen Fachinformationen berücksichtigt. Die Übersetzung ermöglicht somit einen direkten Einsatz der Beers-Kriterien auch in Deutschland, z. B. im Rahmen einer Medikationsanalyse für ältere Patienten. – Inzwischen stehen mit der Priscus-Liste und der FORTA (Fit for the aged)-Liste auch Kriterienkataloge zur Verfügung, die sich auf die in Deutschland zugelassenen Arzneimittel beziehen. Auch diese Listen bieten wertvolle Argumente für eine individuelle und sorgfältig abgewogene Therapieentscheidung; gerade ihre vergleichende Betrachtung kann das Pro oder Kontra über den Einsatz eines Wirkstoffs um wichtige Aspekte erweitern.


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