Medikation

Tipps zum Absetzen von Arzneimitteln

Bei Multimedikation sollten überflüssige Arzneimittel herausgefunden, heruntergefahren und vom Verordnungsplan abgesetzt werden.

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Der israelische Gerontologe Doron Garfinkel erkannte 2010 in seiner Studie durchschnittlich 4,4 überflüssige oder gar schädliche Arzneimittel pro Alterspatient. Nun meint der vermeintlich neue internationale Begriff „Deprescribing“ (wegstreichen, kürzen) dasselbe, was bereits seit etlichen Jahren in deutschen und internationalen Fachkreisen publiziert wird: Bei Poly- bzw. Multimedikation vor allem älterer Patienten sollten überflüssige Arzneimittel herausgefunden, heruntergefahren und vom Verordnungsplan abgesetzt werden.

Zum Beispiel haben internationale Studien aus 2015 (laut Deutsche Apotheker Zeitung /DAZ) gezeigt, dass bei den meisten der älter als 65-jährigen Patienten das vorsichtige Absetzen von Antihypertensiva, psychotropen Arzneimitteln und Benzodiazepanen unter engmaschiger ärztlicher und pflegerischer Überwachung ohne Schädigung möglich ist. Dadurch konnten die Sturzraten deutlich reduziert sowie kognitive und psychomotorische Funktionen verbessert werden.

Doch sollten die entsprechenden Maßnahmen des „Wegstreichens“ spätestens dann eingeleitet werden, wenn beim Patienten Symptome auftreten oder vom Arzt bzw. Pflegekräften erkannt werden, die für eine UAW sprechen. Insbesondere kommen für ein Absetzen von Arzneimitteln die Patienten mit fortschreitenden oder unheilbaren Erkrankungen, Krankheiten im Endstadium, Demenz, extremer Gebrechlichkeit oder mit 100-prozentier Pflegebedürftigkeit in Betracht (vgl. zum Komplex des Absetzens auch die Leitlinien der DGIM). Folgende – auf verschiedenen Studien basierenden Empfehlungen – wurden von den KVen übernommen und damit an die Ärzteschaft weitergegeben.

PERSPECTIV nennt hier die wichtigsten Schritte:

Alle Medikamente sollten aufgeschrieben werden, die ein Patient einnimmt (inklusive der OTC-Medikation) bzw. es sollte der evtl. bereits vorhandene Medikationsplan analysiert und die Präparate priorisiert werden*. Hier setzt die Auswahl zum Absetzen an. Bei Beginn einer somit zu korrigierenden Therapie sollten immer ein „Verfallsdatum“ eingeplant, d. h. nach einer bestimmten Zeit die Therapie erneut überprüft werden.

Diese Punkte sind zu beachten:

  • Besteht noch die ursprüngliche Indikation?
    Ist zum Beispiel der Protonenpumpeninhibitor (PPI) weiter nötig, auch wenn die Beschwerden oder die NSAID-Medikation nicht mehr bestehen?
  • Ist die Medikation (noch) für ältere Patienten geeignet?
    Aktuell wird die Priscus-Liste mit potenziell inadäquater Medikation für ältere Menschen diskutiert (www.priscus.net).
  • Wie lange nimmt der Patient die Arzneimittel schon?
    Mittel wie Heparine oder Clopidogrel verordnen Ärzte nur für einen begrenzten Zeitraum.
  • Nimmt der Patient die Arzneimittel überhaupt?
    Wenn Patienten Arzneimittel nicht einnehmen, dies im Gespräch auch angeben und keine Beschwerden haben, kann die Verordnung unterbleiben.
  • Wird eine neue Erkrankung behandelt oder die Nebenwirkung einer bestehenden Medikation?
    Die Kombination von bestimmten Antidepressiva zum Beispiel kann zu Nebenwirkungen führen (Serotoninsyndrom), die dann behandlungsbedürftig wären. Die Dosisreduktion oder Absetzen wäre die bessere Alternative

Das Absetzen von Arzneimitteln ist ein vierstufiger Prozess:

  1. Wählen Sie das Arzneimittel zum Absetzen.
  2. Setzen Sie immer nur ein Arzneimittel auf einmal ab. Wenn Arzneimittel einzeln abgesetzt werden, ist es einfacher zu beurteilen, ob neue Beschwerden mit dem Absetzen zu tun haben.
  3. Entscheiden Sie, ob das Medikament ausgeschlichen werden muss. Mittel wie Betablocker, Benzodiazepine oder auch PPI können beim Absetzen zu einem Rebound führen. Die Präparate sollten Sie schrittweise in der Dosis reduzieren. Besonders nach langem Benzodiazepin-Gebrauch kann das Ausschleichen Monate dauern.
  4. Kontrollieren Sie die Vor- und Nachteile, wenn Arzneimittel abgesetzt wurden. Bei der Reduktion oder dem Absetzen eines Arzneimittels sollte der Patient auf neue Symptome (auch positive!) achten. Das kann seine Entscheidung stärken, das Arzneimittel abzusetzen.

Diese Empfehlungen werden von australischen Wissenschaftlern durch diese beiden Punkte ergänzt:

  • *Die Priorisierung der abzusetzenden Arzneimittel: Zuerst sollen solche mit dem größten Schädigungspotential und geringstem Nutzen weggestrichen werden, gefolgt von Arzneimitteln, deren Einnahme/Anwendung ohne Absetzphänomene oder Rezidiv beendet werden können; schließlich auch die Arzneimittel, der der Patient nach ärztlicher Beratung selbst am ehesten weglassen möchte.
  • Implementierung und Überwachung des Absetzplans (möglichst im Rahmen des Medikationsplans): Dem Patienten, bei Bedarf auch dessen Betreuer/Pflegern, sollte der Plan erläutert und sein Einverständnis eingeholt werden; es sollte die Kontrolle auf Absatzphänomene erfolgen und der gesamte Deprescribing-Prozess dokumentiert werden.

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