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Wachsende Bedeutung der Selbstmedikation

Bereits heute wird etwa jede zweite Arzneimittelpackung von Patienten im Rahmen der Selbstmedikation erworben.

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Werden die Einnahme und Anwendung nicht verschreibungspflichtiger Arzneimittel zu einem festen Standbein der Gesundheitsversorgung? Für eine qualitative, am besten unter ärztlicher Begleitung stehende Selbstmedikation sprechen veränderte gesellschaftliche und gesundheitspolitische Rahmenbedingungen, wie die stärkere Eigenverantwortung der Patienten und das wachsende Gesundheitsbewusstsein insgesamt. Auch ist der Fokus einer möglichst optimalen Selbstmedikation für den inzwischen obligatorischen Medikationsplan wichtiger denn je. Die Patienten persönlich sowie Ärzte und Apotheker sind somit gefordert, gemeinsam für eine verantwortungsvolle und therapeutisch sichere Selbstmedikation Sorge zu tragen.

Bis heute steht hinter dem Begriff „Selbstmedikation“ die Einnahme von Arzneimitteln, die vom Patienten in der Regel ohne vorherige ärztliche Konsultation in der Apotheke gekauft werden; hinzu gilt als Selbstmedikation die Arzneimittelabgabe über das Grüne Rezept (siehe Info-Kasten), indem der Arzt vorher eine Empfehlung ausspricht. Bereits heute wird etwa jede zweite Arzneimittelpackung von Patienten im Rahmen der Selbstmedikation erworben, ermittelte der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) auf Basis von Daten des Marktforschungsinstituts IMS Health. Ebenfalls ist Fakt, dass die Zahl der Verordnungen über das Grüne Rezept 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 2,5 Prozent auf mehr als 45 Millionen gestiegen ist. Dabei hat überproportional – so IMS Health – der Verordnungswert zugenommen, und zwar um 5,2 Prozent auf 224 Millionen Euro (Herstellerabgabepreise).

Bereits seit mehr als zehn Jahren steigert sich die Bedeutung der Selbstmedikation. Seit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GMG) 2004 werden die meisten rezeptfreien Arzneimittel aus der Apotheke per OTC (Over The Counter) abgegeben und nicht mehr von den Krankenkassen erstattet. Der Patient muss selbst zahlen. Ärzte dürfen rezeptfreie Medikamente nur noch in Ausnahmefällen für Erwachsene („OTC-Ausnahmeliste“) sowie für Kinder bis zum 12. Geburtstag (bei Jugendlichen mit Entwicklungsstörungen bis zum 18. Geburtstag) zu Lasten der GKV verordnen. Für Privatversicherte gelten individuelle Regelungen je nach Leistungsvertrag, jedoch orientieren sich die meisten PKV-Versicherer an den gesetzlichen Vorgaben.

Noch gibt es nur wenige Erklärungsmodelle für das wachsende Segment des OTC-Marktes. Die Fachpresse meint in diversen Berichten, es könnte das steigende Bewusstsein für Prävention und Gesundheit in der Bevölkerung ein Grund sein sowie das Internet als gesundheitsbezogene und arzneimitteltherapeutische Informationsquelle. Laut einer Studie nutzen aktuell rund zwei Drittel der deutschen Internetnutzer das Netz, um Antworten auf gesundheitliche Fragen zu finden. Zudem besteht über das Internet eine relativ niederschwellige Bestellmöglichkeit von Arzneimitteln. „Die kommunikativen Einschränkungen für Gesundheitsprodukte in Deutschland entstammen einer Zeit , in der der Mensch noch nicht über das Internet völlig unbeschränkter Zugang zu internationalen Gesundheitsinformationen in allen Dimensionen hatte – von der Krankheitsentstehung über therapeutische Möglichkeiten hin zu Prognosen“, stellt der Bundesverband der Arzneimittelhersteller e.V. (BAH) fest.

Der Verband folgert in seinem 2017 publizierten Perspektiv-Papier: Die Selbstmedikation sei in ihrer medizinischen, sozialen, ökonomischen und gesundheitspolitischen Bedeutung als modernes zentrales Grundbedürfnis ein Instrument, um diesem Bedürfnis gerecht zu werden. Und: Wenn Menschen eigenverantwortlich ihre Gesundheit verbessern oder wiederherstellen wollen, brauchen sie andere Menschen, die ihnen fachkundig dabei helfen, den individuelle richtigen Weg einzuschlagen, ihnen Mut machen, Vertrauen schenken und motivierend auf die Therapietreue hinwirken.

Die Psychologin Prof. Dr. Christiane Eichenberg (Sigmund Freud Privat Universität Wien) hat eine aktuelle Studie zur Selbstmedikation erarbeitet. PERSPECTIV empfiehlt zu dieser Arbeit diesen Artikel zu lesen: https://www.aerzteblatt.de/pdf/PP/14/2/s75.pdf


Das Grüne Rezept

wurde in den 1990er Jahren zwischen KBV, Apothekerschaft und Arzneimittelherstellern vereinbart. Mit der Einführung wird die arztgestützte Selbstmedikation gefördert. Die spezielle Kennzeichnung signalisiert dem Apotheker, dass das Rezept nicht bei Kassen eingelöst wird und die Arzneiverordnung nicht Gegenstand der Wirtschaftlichkeitsprüfung sein darf.
Besonders stark genutzt wird das Grüne Rezept Erhebungen zufolge von Hausärzten: Sie stellen rund drei Viertel dieser Rezepte aus. Es folgen, HNO-Ärzte, Gynäkologen und Dermatologen. Besonders häufige Indikationen sind Husten- und Erkältungspräparate, Arzneimittel wie Immunstimulanzien, Mittel gegen Verstopfung, Rhinologika sowie Mittel zur Anwendung bei Durchfall und Elektrolytersatz.

Neben dem wirtschaftlichen Aspekt, denn Verordnungen auf dem Grünen Rezept gehen nicht zu Lasten der GKV, gewinnt der Arzt für weitere Behandlungen sowie mit dem Festhalten im Medikationsplan einen Überblick und die Kontrolle darüber, welche Arzneimittel der Patient einnimmt. So können Wechselwirkungen vermieden werden. Aufgrund der Informationen auf dem Rezept, wie Produktname und Wirkstoff, wird auch die Compliance verbessert.

Die Vorteile für den Patienten:

  • Eine Empfehlung auf Grünem Rezept signalisiert, dass der Arzt die Anwendung des Arzneimittels aus medizinischer Sicht für notwendig erachtet.
  • Das in der Apotheke eingelöste und quittierte Grüne Rezept kann gegebenenfalls bei der Einkommenssteuererklärung als außergewöhnliche Belastung eingereicht werden.
  • Satzungsleistungen sind das Fundament, auf dem einige Krankenkassen die Kosten mancher rezeptfreier Medikamente vollständig oder teilweise erstatten, die auf Grünem Rezept verordnet wurden.

 

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