Medikation

Wie „wirken“ Arzneimittel-Namen auf Patienten?

Arzneimittel mit leichter auszusprechenden Namen werden als ungefährlicher eingeschätzt und verleiten Patienten bei der Einnahme dazu, höher dosiert zu werden.

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„Die Bezeichnung eines Arzneimittels trägt als Identifikations‐ und Unterscheidungsmerkmal zur Sicherheit im Verkehr mit Arzneimitteln bei, sie soll nicht zu Irreführungen führen bzw. Verwechslungen oder Fehlanwendungen (Arzneimittelmissbrauch) z. B. durch Verharmlosung begünstigen.“ So wird in den deutschen Leitlinien, erstellt vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sowie vom Paul-Ehrlich-Institut, das streng geregelte Verfahren der nationalen und internationalen Namensgebung für Arzneimittel begründet. Aussagen zur „Wirkung“ eines Medikamentennamens auf den Patienten werden darin nicht gemacht.

Doch allein der Name eines Arzneimittels vermag bei Patienten schon eine gewisse „Wirkung“ zu erzeugen. Das haben mittels einer psychologischen Studie Forscher aus Deutschland und USA untersucht. Darin wurden der Einfluss von Bezeichnungen von Medikamenten auf Patienten und speziell die Auswirkungen auf die Dosierung untersucht. Das Ergebnis zusammengerafft: Arzneimittel mit leichter auszusprechenden Namen werden als ungefährlicher eingeschätzt und verleiten Patienten bei der Einnahme dazu, höher dosiert zu werden.

Die Ergebnisse der Studie sind kürzlich in der Fachzeitschrift „Journal of Experimental Psychology – Applied“ publiziert worden. Seit einigen Jahren forscht die deutsche Psychologin Dr. Simone Dohle (Uni Köln) zu der Frage, wie die Namen von Arzneimitteln auf Patienten wirken. Mit ihrer US-amerikanischen Kollegin Amanda Montoya (Ohio State University) hat Simone Dohle an 70 Probanden untersucht, wie Menschen auf praktisch unaussprechliche Medikamentennamen reagieren; genannt wurden fiktive Medikamentennamen wie „Nxungzictrop“ oder „Ribozoxtlitp“. Dagegen gingen andere Phantasienamen wie „Tonalibamium“ oder „Calotropisin“ leichter über die Lippen.

Bei den Experimenten sollten sich die Testpatienten vorstellen, sie hätten einen Magen-Darminfekt, und die fiktiven Arzneimittel, die ihnen in Flaschen präsentiert wurden, würden hiergegen wirken. Es sollten zwischen 10 und 20 Milliliter täglich eingenommen werden. Die Probanden nutzten den Spielraum bei der Dosierung. Ein Teil von ihnen erhielt außerdem die Information, die Arzneimittel seien synthetisch hergestellt, bei den anderen handele es sich um „natürliche“ Stoffe. Außerdem sollten einige Probanden die Arzneimittel nicht für sich selbst dosieren, sondern für ein achtjähriges Kind.

Doch all diese genannten Aspekte spielten keine Rolle. „Das Ergebnis war immer, dass Arzneimittel mit einem leichter auszusprechenden Namen höher dosiert wurden“, so die deutsche Wissenschaftlerin. Denn leichtere Namen seien „als ungefährlicher eingeschätzt worden und führten zu einem positiveren Affekt“, fasste Simone Dohle die Ergebnisse zusammen.

Um dem Ziel der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) in Deutschland gerecht zu werden, stellt eingangs erwähnte „Leitlinie zur Bezeichnung von Arzneimitteln“ eine Arbeits‐ und Entscheidungshilfe für Antragsteller und Zulassungsinhaber von Humanarzneimitteln dar. Genannt werden darin die Kriterien bei der Wahl der Bezeichnung und deren Gestaltung und für die Bundesoberbehörden bei der Überprüfung der Bezeichnungsvorschläge auf der Basis der normativen Grundlagen. Auf 15 Seiten wird genau vorgeschrieben, welche Methodik für Originalarzneimittel als auch Generika anzuwenden ist und wie bei den Bezeichnungen zu verfahren ist.

Wird ein Name eingeführt, so sollte dieser laut Leitlinie möglichst nur aus einem Wort bestehen. Verwechslungsrisiken seien zu vermeiden. „Je größer die Unterschiede der einzelnen Wirkstoffe sind und je höher das Anwendungsrisiko eines Arzneimittels bei Gefahr der Verwechslung mit einem andersartigen Arzneimittel, desto deutlicher sollten die Unterschiede in der Bezeichnung ausfallen“, heißt es.

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