Praxisalltag

Arzneimittel in der Pflege: Risiko unerwünschter Wirkungen bei Beschäftigten

Bei Tätigkeiten mit Arzneimitteln sind spezielle Maßnahmen erforderlich, um unerwünschte Wirkungen auf die Beschäftigten auszuschließen.

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Mehrere Millionen Menschen arbeiten täglich in Deutschland mit Arzneistoffen. Rund 2,4 Millionen von diesen sind bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW, Hamburg) in Einrichtungen versichert, in denen der Umgang mit humanmedizinischen Arzneimitteln zum Tagesgeschäft gehört – das sind Kliniken, Heime, Arztpraxen, Apotheken, ambulante Dienste.

Insbesondere in der Pflege, in der in Deutschland neben einer Vielzahl von ungelernten Kräften rund 1,2 Millionen ausgebildete Kräfte arbeiten, kann es bei zahlreichen Tätigkeiten, wie z. B. beim Umgang mit Infusionslösungen, Einreiben mit Dermatika und beim Zerkleinern von Tabletten zur negativen Beeinflussung der Beschäftigten mit Arzneistoffen kommen, also quasi zu unerwünschten Wirkungen bei Nichtpatienten. Aus ärztlicher Sicht kann das Thema somit auch unter dem Aspekt einer erweiterten AMTS gesehen werden, vor allem bezogen auf den Pflegebereich (siehe hierzu auch http://www.perspectiv.de/aerztenetze/senimed-it-erleichtert-die-pflege-und-hilft-bei-der-amts/).

Die BGW hat 2009 erstmals eine lange Liste von sage und schreibe mehr als 500 Arzneistoffen erstellt, die den Verdacht auf sensibilisierende und kanzerogene, mutagene oder reproduktionstoxische Eigenschaften (kurz: cmr) zulassen. Studien aus den USA weisen darauf hin, dass der berufliche Umgang mit diesen Arzneimitteln – insbesondere in der Pflege – also ein erhöhtes Risiko für Krebs, Asthma, Fehlgeburten und Missbildungen mit sich führt. Die Erfassung der Auswirkungen auf das Personal ist schwierig, da zum Beispiel Krebserkrankungen erst mit einer Latenz von mehreren Jahren und Jahrzehnten auftreten können. Eine systematische Erhebung möglicher Auswirkungen auf das Personal in Deutschland fehlt bisher, so die BGW.

Werden Tätigkeiten mit Arzneistoffen ausgeführt, so muss im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung geprüft werden, ob gesundheitsschädliche Effekte auf die betroffenen Personen einwirken können. Denn Arzneistoffe können laut BGW sowohl auf Basis ihrer therapeutischen Wirkung und Nebenwirkungen sowie ihrer physikalisch-chemischen Eigenschaften eine Gefahr für die betroffenen Arbeitsnehmer darstellen. Im Fokus des Arbeitsschutzes standen bisher insbesondere Zytostatika, da unter therapeutischen Dosen bei Patienten cmr-Effekte beobachtet wurden. Die Feststellung der Substanzeigenschaften ist generell erschwert und nur selten ohne weiteres möglich. So sind laut BGW speziell Arzneimittel im Hinblick auf die gefahrstoffrechtliche Einstufungs-, Verpackungs- und Kennzeichnungspflicht ausgenommen. 

Von Seiten der BGW wird immer wieder auf die Problematik hingewiesen, dass bei Tätigkeiten mit Arzneimittel(-gruppen) spezielle Maßnahmen erforderlich sind, um unerwünschte Wirkungen auf die Beschäftigten auszuschließen. Die bisher vorliegenden Informationen sind durch allgemeine Formulierungen wie z. B. „bei einigen Antibiotika besteht der Verdacht auf cmr-Wirkung“ nur bedingt für die konkrete Identifizierung von Arzneistoffen und die Ableitung erforderlicher Maßnahmen geeignet. Zusätzlich zu cmr-Substanzen ist es erforderlich, auch sensibilisierende Arzneistoffe zu identifizieren, da nach erfolgter Sensibilisierung bereits der Kontakt zu Spuren des Allergens genügen kann, um eine allergische Reaktion hervorzurufen. – Inwieweit von den Eigenschaften der Arzneistoffe beim beruflichen Umgang mit den entsprechenden Fertigarzneimitteln eine reale Gefährdung für die Beschäftigten des Gesundheitswesens ausgeht, muss anhand einzelner Gefährdungsbeurteilungen entschieden werden.

Die BGW-Arzneistoffliste versteht sich als eine Auswahlhilfe für eine Gefährdungsbeurteilung, sie ist hier als PDF abrufbar. Zu den wesentlichen Tipps im Umgang mit Arzneimitteln in der Pflege zählen u.a.:

  • Arzneimittel in einer ruhigen Arbeitsumgebung ohne störende Unterbrechungen zur Applikation vorbereiten
  • Arbeitsflächen vor Flüssigkeitsspritzern, Stäuben oder anderweitigen Kontaminationen schützen sowie die Flächen zusätzlich regelmäßig reinigen und desinfizieren
  • Müssen Arzneimittel mit den Händen berührt werden, sind grundsätzlich Einmalhandschuhe zu tragen
  • Langärmlige Kittel bei Tätigkeiten tragen, die einen Hautkontakt der Unterarme mit freigesetzten Wirkstoffen nicht ausschließen lassen

Weitere, ausführlichere Sicherheitstipps zum Umgang mit Tabletten, Kapseln, Infusionen,  Augentropfen können hier ebenfalls abgerufen werden:
www.bgw-online.de/goto/besi-tipps

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