Praxisalltag

Die digitalisierte Medizinwelt und ihre Barrieren

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Viele Bürger zeigen sich heutzutage beim Thema Gesundheit und Pflege gegenüber modernen Technologien aufgeschlossen. Tragbare Minicomputer sehen sie z. B. überwiegend positiv. Das ergab der „Zukunftmonitor –Gesundheit neu denken“, eine repräsentative Befragung, die das Bundesforschungsministerium in Auftrag gegeben hat. Demnach verbinden 55 Prozent der Befragten mit den am Körper getragenen Wearables – also Fitnessbändern und mobilen Geräten, die Puls, Schritte und Höhenmeter messen und/oder Schlafrhythmus oder Kalorien aufzeichnen – Chancen; 34 Prozent sehen hingegen Risiken. Aber: Die meisten Bundesbürger haben Bedenken, Gesundheitsdaten im Netz zu teilen (62 Prozent).

Mit Telemedizin, bei der sich Arzt und Patient etwa via Computer oder Webcam austauschen, verbinden dagegen nur 38 Prozent Chancen, 52 Prozent sehen Risiken. Besser schneidet da die Telepflege ab, in der immerhin 51 Prozent eher Chancen und nur 10 Prozent eher Risiken sehen. Ein Viertel der Befragten kann sich vorstellen, von Robotern gepflegt zu werden, wie sie heute schon in Japan im Einsatz sind, können Krankenpfleger dabei unterstützen, Patienten umzubetten.

Klaus Rupp

Klaus Rupp

Den ersten Praxisschritt bei der Online-Video-Sprechstunde macht seit dem 1. September die Techniker Krankenkasse (TK) in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Deutscher Dermatologen (BVDD) und dem Lübecker Startup-Unternehmen Patientus GmbH. Das Pilotprojekt Online-Video-Sprechstunde soll die Tür zur Telemedizin im ambulanten ärztlichen Bereich öffnen. Die TK ist bei dieser hautärztlichen Zusatzleistung Vorreiter. „Das neue Angebot bietet für Wiederholungstermine eine Alternative zur normalen Sprechstunde“, sagt Klaus Rupp, Leiter des TK-Versorgungsmanagements (vgl. Pressemitteilung v. 25.08.2015). Für Ärzte bedeute dies den Einstieg in eine neue Form vergüteter Arbeit. Für Patienten biete die Online-Video-Sprechstunde perspektivisch ein medizinisches Angebot vor allem dort, wo wenig Strukturen vorhanden sind, z. B. in ländlichen Gebieten.

„Wenn der Patient einmal in meiner Praxis war, reichen zur Nachkontrolle oft ein kurzer Blick und ein kurzes Gespräch – dafür muss sich künftig kein Patient mehr auf den Weg in die Praxis machen“, sagt Dr. Klaus Strömer, Hautarzt und Präsident des BVDD. Er setzt als einer der ersten Ärzte die Patientus-Software in seiner Praxis in Mönchengladbach ein. Doch eigne sich das Gespräch via Bildschirm nicht in jedem Fall: „Besonders geeignet erscheint die Videokonsultation etwa, um eine Änderung in der Medikation zu besprechen. Oder zur Abklärung des Krankheitsverlaufs, beispielsweise der Wundheilung nach einer OP, wie überhaupt zur Überprüfung des therapeutischen Erfolgs oder für die Patientenschulung im Verlauf einer längeren Behandlung“, so Strömer.

Das System funktioniert so: Zum vereinbarten Online-Termin loggt sich der Patient mit seinem Laptop oder PC über die Patientus-Webseite mit seiner sechsstelligen Termin-TAN ein und gelangt in das virtuelle Wartezimmer. Auf der anderen Seite sitzt der Arzt an seinem Bildschirm und ruft nacheinander die Patienten in seine virtuelle Praxis. Damit niemand überrascht wird, zeigt ein Zähler die letzten zehn Sekunden an, bevor es losgeht. Nach dem Gespräch trennt der Patient die Verbindung, und der Arzt wendet sich dem nächsten Patienten zu. „Ärzte und Patienten benötigen keine zusätzliche Hard- oder Software. Ein PC oder Laptop mit Internetverbindung und einer handelsüblichen Webcam genügen“, sagt Patientus-Geschäftsführer Nicolas Schulwitz. Nachdem das System alle notwendigen technischen Tests bestanden hat, kommt es jetzt zum Pre-Test mit ausgewählten Arztpraxen bundesweit; dem folgt ein größer angelegtes Pilotprojekt, bevor die Online-Sprechstunde in allen Praxen Einzug halten kann. Die TK vergütet jede Online-Sprechstunde ihrer Versicherten außerbudgetär mit einem Festbetrag. Auch sind die Kosten des Einsatzes der neuen Technologie in Relation zum Nutzen oft durchaus vertretbar.

Die Anzahl konkreter digitaler Arzt-Patienten-Projekte ist zwar noch relativ gering, sagt Praxisberater Klaus-Dieter Thill (IFABS/Düsseldorf), aber dieses könne sich mit einer zunehmenden Anzahl an Ärzten, die entsprechende Leistungen offerieren, positiv verändern, folgert Thill. Gegenwärtig seien allerdings Zweifel im Hinblick auf eine schnelle Ausbreitung der neuen Techniken angebracht. Denn es gebe auf der Anwenderseite eher veränderungsunwillige Praxen, die großteils noch mit der Basis des Managements hadern. Analysen zeigen, so der Experte, dass in Arztpraxen über alle Fachgruppen und Praxisformen betrachtet durchschnittlich nur 53 Prozent der für ein reibungslos funktionierendes Management notwendigen Regelungen und Instrumente eingesetzt werden. Die hieraus resultierende Patientenzufriedenheit erfülle lediglich 61 Prozent der Anforderungen und Wünsche.

IFABS führte im Rahmen des Projekts „eMedical Practice Insights“ Gruppengespräche mit zufällig ausgewählten niedergelassenen Ärzten zu deren Meinung über Internetmedizin und ihre Vorteile für die eigene Praxisführung. Das Resultat: Die Grundeinstellung der Mediziner ist stark skeptisch gerichtet. Dabei werden diese Argumente genannt: Ärzte fühlen sich überrannt
. Von den Medien erhielten sie zudem übermittelt, dass sich durch die digitalen Optionen die Arbeit in ihren Praxen radikal verändern werde, dass die Patienten dies angeblich fordern würden und dass eine medizinische Versorgung „ohne“ bald nicht mehr denkbar sei. Ein weiterer negativ wahrgenommener informativer Mainstream besagt, so Thill, dass die Patientenversorgung und -kommunikation durch die Digitalisierung deutlich besser werde. Doch, so fragen sich die Mediziner, ist denn die gegenwärtige Betreuung wirklich so schlecht?

Zudem äußerten sich die Gesprächsteilnehmer irritiert darüber, dass statt der medizinischen Versorgungsqualität immer mehr Kommunikations-, Kooperations- und verwaltungsbezogene Techniken in den Vordergrund rücken. Diese könnten zwar durchaus zur verbesserten Qualität beitragen, doch die Entwicklungsrichtung sei sehr stark unpersönlich, was für die wenigsten denkbar ist. Ergänzend schilderten die Praxisinhaber ihren Eindruck, durch die Absolutheit vieler Beschreibungen instrumentalisiert zu werden, d. h. keine Entscheidungsfreiheit im Hinblick auf einen differenzierteren Umgang mit den digitalen Ansätzen zu haben (Zitat eines Teilnehmers: „Wer nicht mitmacht, ist weg vom Fenster!“). Insgesamt zeigten die Gespräche, dass die Informationsvermittlung zum Nutzen der „elektronischen Medizin“ niedergelassene Ärzte bislang kaum erreichen, da die Inhalte zu wenig auf den Bedingungsrahmen der Praxisarbeit ausgerichtet sei. Und: „Viele Praxisinhaber reagieren auf digitale Lösungen auch deshalb nicht etwa ablehnend, weil ihnen die Angebote nicht zusagen, sondern weil sie die Vorteile der Lösungen nicht vollständig nachvollziehen können“, hieß es.

PERSPECTIV meint: Die sogenannten IT-Barrieren sind auch „naturgegeben“, sprich auf demografische Fakten zurückzuführen: Der nicht unerhebliche Teil der Ärzteschaft ist älter als 60 Jahre (Ende 2013 waren 65 Prozent der in Praxen tätigen Ärzte mindestens 50 Jahre alt; gut ein Viertel war 60 Jahre und älter, sagen aktuelle Zahlen des Statistische Bundesamts). Die Mehrheit der älteren Praxisinhaber verhalten sich distanziert gegenüber modernen Patientenkontakten, sehen nicht den Bedarf dafür. Für sie steht das direkte Gespräch mit dem Patienten weiterhin an allererster Stelle. Zu Recht, denn vor allem die Kommunikation im Arztzimmer fördert die therapeutische Compliance. Online-Sprechstunden z. B. können und sollten auch in Zukunft nur ein ergänzendes Angebot sein.

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