Praxisalltag

Kommunikation mit Flüchtlingen – was zu beachten ist

Die Sprachbarriere kann für Ärzte sogar folgenreich sein.

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Auch für Flüchtlinge wurde mit Jahresbeginn 2016 bundesweit in fast allen Regionen die elektronische Gesundheitskarte eingeführt. Dort wo die eGK noch nicht für Flüchtlinge gilt, müssen diese im Krankheitsfall erst bei der örtlichen Behörde einen Behandlungsschein beantragen, um medizinisch versorgt zu werden. Problematisch sind dann aber kaum die Behandlung oder Abrechnung, sondern es ist in erster Linie die sprachliche Barriere zwischen ausländischem Patient und Arzt in Praxen, Erstaufnahmeeinrichtungen und Kliniken. Viele geflüchtete Menschen sind inzwischen bereits über ein Jahr lang in Deutschland, doch die erworbenen Deutschkenntnisse reichen für einen Arztbesuch häufig noch nicht aus.

Die Sprachbarriere kann sogar folgenreich sein, denn es greift die Haftung des Arztes, wenn ein Patient in eine Behandlung einwilligen muss, ohne dass er verstanden hat, was geschehen soll.  So urteilte jüngst das Oberlandesgericht (OLG) in Köln aufgrund eines strittigen Falls beim operativ-orthopädischen Eingriff an einem türkischen Patienten, dass an die ärztliche (medizinische) Aufklärung fremdsprachiger Patienten dieselben Maßstäbe anzulegen sind, wie an deutschsprachliche (Az.: 5 U 184/14). Ein weiteres, älteres Urteil: Es genügt (in schwer wiegenden medizinischen Fällen) nicht, wenn einem deutschunkundigen Patienten nur Aufklärungsmaterial in seiner Sprache gegeben wird (OLG Nürnberg, Az.: 4 U 3943/94). Ein Dolmetscher sei Pflicht.

Generell wären nach Meinung der Ärzteschaft professionelle Dolmetscher hilfreich, wie kürzlich auf einem Pädiatrie-Kongress in Hamburg gefordert wurde. Die Kosten dafür werden von den Sozialbehörden jedoch nicht oder selten übernommen. Häufig springen deshalb Familienmitglieder, Freunde und Bekannte von Flüchtlingen ein, die gut oder zumindest besser Deutsch sprechen. Doch Vorsicht – der Übersetzer sollte dann wirklich die deutsche Sprache sowie Fachbegriffe beherrschen. Bei den wenigsten Konsultationen ist idealerweise ein schon länger in Deutschland praktizierender Arzt selbst einmal Flüchtling aus einem arabisch-sprachigen Land gewesen. Dann klappt „natürlich“ die Kommunikation.


Lehnen Sie lieber eine aufschiebbare Behandlung ab, wenn Sie den Eindruck haben, dass trotz Übersetzung der ausländische Patient die Aufklärung nicht verstanden hat.


Was Ärzte und Praxen sonst noch wissen sollten (Hauptquelle KBV): 

Übersetzungshilfen

Es gibt zahlreiche elektronische Mittel, wie Übersetzungs-Apps auf Smartphones sowie Online-Foren und Anamnesebögen in mehreren Sprachen. Hilfe bei der Suche nach einem Dolmetscher gibt ein Infoblatt, das vom Verein Armut und Gesundheit in Deutschland herausgegeben wird und auf deren Internetseite heruntergeladen werden kann. In Schleswig-Holstein, nutzbar auch aus anderen Bundesländern, hat die ife Gesundheits-AG/Telearzt-Zentrum Sprachmittler eingestellt, die telefonisch für Übersetzungen bei Arztbesuchen von Flüchtlingen zur Verfügung stehen. Arztpraxen können diesen Service kostenfrei nutzen. Tel.  04526 381 370

Kennzeichnung der eGK und eingeschränkter Leistungsanspruch

Die eGK für Asylbewerber, die sich länger als 15 Monate in Deutschland aufhalten, ist bei „Besondere Personengruppe“ mit der Ziffer „4“ gekennzeichnet. Neu ist die Angabe für die Chipkarten, die seit Januar 2016 an Flüchtlinge und Asylbewerber, die weniger als 15 Monate in Deutschland leben, ausgegeben werden: Auf diesen Karten ist bei „Besondere Personengruppe“ die Ziffer „9“ gespeichert. Daran erkennen die Praxen bereits beim Einlesen der eGK, dass bei dem Patienten ein eingeschränkter Leistungsanspruch zu beachten ist. Übernommen werden laut Asylbewerberleistungsgesetz die Kosten bei akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen. Zudem besteht Anspruch auf Schutzimpfungen und Früherkennungsuntersuchungen sowie Mutterschaftsleistungen. Welche Leistungen genau dazu gehören, wird teilweise in regionalen Vereinbarungen näher spezifiziert.

Karte nicht einlesbar

Dann ist auch bei diesen Patienten das Ersatzverfahren anzuwenden. Bei dieser manuellen Eingabe der Daten in das Praxisverwaltungssystem – sind zu erfassen: zuständige Krankenkasse, Name, Vorname, Geburtsdatum, Versichertenart, Postleitzahl des Wohnorts, möglichst die Krankenversichertennummer, Besondere Personengruppe „9“. Ist beim Ersatzverfahren nicht erkennbar, dass es sich um einen Flüchtling handelt und erfolgt eine Untersuchung oder Behandlung, auf die der Patient keinen Anspruch hätte, so wird dem Arzt die Leistung trotzdem vergütet. Dies konnte die KBV mit dem GKV-Spitzenverband vereinbaren.

Bedruckung von Formularen

Bei Rezepten und anderen Formularen, die ein Personalienfeld enthalten, wird im Statusfeld die Ziffer „9“ für „Besondere Personengruppe“ gedruckt.

Interpretationshilfen

Das Institut für Ärztliche Qualität in Schleswig-Holstein – das als Beispiel – hat eine Interpretationshilfe mit Antworten zu Fragen der gesundheitlichen Versorgung von leistungsberechtigten Asylbewerbern nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zwischen den Institutsträgern (ÄKSH, KVSH und KGSH) mit dem Ministerium für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung abgestimmt. Inhalte sind u.a. die Verordnung von Medikamenten und Verbandmitteln, Heil- und Hilfsmitteln, die Behandlung chronischer Erkrankungen, Vorsorgeuntersuchungen,

Weitere Ratgeber

Informationen, die Flüchtlingen dabei helfen, sich im deutschen Gesundheitswesen zurechtzufinden, liefert der „Ratgeber Gesundheit für Asylsuchende in Deutschland“ des Gesundheitsministeriums (BMG). Der Gesundheitsratgeber enthält wichtige Informationen von den notwendigen Erstuntersuchungen bis zum Impfausweis und erscheint in Deutsch, Englisch, Arabisch, Kurdisch (Kurmanci) und Paschto.

Arzneimittel-Informationen in Bildersprache

Als Arbeitshilfe für die Information und Beratung von Patienten mit Migrationshintergrund hat der Weltverband FIP einen Satz von insgesamt 85 Piktogrammen zur Verfügung gestellt, die ergänzende Hinweise zur Darreichungsform, zum Einnahmezeitpunkt und zu möglichen Nebenwirkungen von Arzneimitteln geben. Diese Piktogramme können auf der Website Apothekerverband Nordrhein heruntergeladen werden.

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