Praxisalltag

Mit dem Medikationsplan klappt es noch nicht

Recherchen sprechen für das erste Jahr der Umsetzung von einem „Flopp“.

© Katarzyna Bialasiewicz – istockphoto.com

Die seit einem Jahr geltende Recht, dass multimorbide GKV-Patienten einen Medikationsplan erhalten sollen, ist noch nicht optimal umgesetzt worden. Recherchen des Branchenportals DAZ.online sowie eine aktuelle Umfrage der Handelskrankenkasse (hkk) sprechen für das erste Jahr der Umsetzung von einem „Flopp“.

Der Gesetzgeber hatte den Medikationsplan Ende 2015 mit dem E-Health-Gesetz beschlossen. Die infrage kommenden Patienten erhalten von ihrem Arzt auf eigenen Wunsch oder auf ärztlichen Rat hin einen papiernen Medikationsplan, den sie mit sich führen und auch vom Apotheker ergänzen lassen können. Teilnehmen dürfen alle Patienten, die länger als zwei Wochen lang mindestens drei verordnete Arzneimittel gleichzeitig anwenden. Die Ärzte werden für die Erstausstellung und die weitere Beratung vergütet. Ein umfassendes Medikationsmanagement, das auch die Beteiligung der Apotheker und deren „OTC-Wissen“ einschließt, ist derzeit nicht vorgesehen.

Um festzustellen, wie oft der Medikationsplan in seinem ersten Jahr von den Patienten abgerufen wurde, ließen sich die bei den Kassen dafür abgerechneten Honorare zählen. Schließlich ist jede ärztliche Leistung mit einem eigenen Abrechnungscode im EBM festgelegt. Beim Medikationsplan ist dies allerdings schwierig. Denn in ihren Vergütungsverhandlungen vor knapp einem Jahr hatten sich Kassen und Ärzte darauf geeinigt, dass die Erstellung des Plans bei Chronikern in der Chroniker-Pauschale mit vergütet wird. Doch in den Abrechnungen dieser Pauschale lässt sich nicht feststellen, ob im Rahmen der Behandlung auch ein Plan ausgestellt wurde.

Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass der Plan in seinem ersten Jahr noch nicht funktioniert: Im Gegensatz zu den Chronikern gibt es für Nicht-Chroniker bei den Kassenärzten nämlich eine eigene, auch tatsächlich vergütete Abrechnungsziffer für den Medikationsplan. Und diese wurde im vierten Quartal 2016, in dem der Plan an den Start ging, bundesweit etwa 65.000 mal abgerechnet, ermittelte der AOK-Bundesverband. Diese Zahl hochgerechnet, so ergeben sich für 2017 etwa 250.000 ausgezahlte Vergütungen für den Medikationsplan. Doch muss diese Summe nicht zwangsläufig mit der Zahl der Nicht-Chroniker übereinstimmen, die einen Medikationsplan erhalten haben. Zum Beispiel kann ein Medikationsplan von verschiedenen Ärzten mehrfach ausgestellt worden sein. Schon im Mai 2016 hatte der AOK-Bundesverband bekanntgegeben, dass alleine im AOK-System etwa 7,5 Millionen Menschen Anspruch auf den Plan hätten. Vor diesem Hintergrund wirken die 250.000 Abrechnungen allein für Nicht-Chroniker überschaubar.

Umfrage bestätigt Optimierungsbedarf beim Medikationsplan

Dass der Medikationsplan bislang nicht gut angenommen wird, zeigt auch eine Umfrage der hkk. Anhand einer Zufallsstichprobe hat die Kasse 1.000 Versicherte zum Plan befragt, 324 von ihnen haben geantwortet. Aus der Befragung geht hervor, dass nur etwa 38 Prozent der Versicherten, die einen Anspruch auf und Bedarf an einem Medikationsplan hätten, ihn auch wirklich erhalten haben.

Die Umfrage zeigt auch, dass die Patienten, die den Plan wirklich erhalten haben, alles andere als zufrieden sind. Denn: Ein Viertel der Befragten mit Medikationsplan gab demnach an, nicht oder nur unzureichend über den Sinn des Plans aufgeklärt worden zu sein. Knapp 21 Prozent erklärten, dass sie vom verantwortlichen Arzt weder über den Nutzen noch über die Einnahmemodalitäten der verordneten Medikamente informiert wurden. Die hkk-Befragung zeigt auch, dass das OTC-Wissen bislang nur eine untergeordnete Rolle spielt: 51,6 Prozent aller Befragten mit Medikationsplan wurden vom Arzt nicht gefragt, ob sie sich zusätzlich rezeptfreie Arzneimittel in der Apotheke gekauft hätten.

Beschwerden hinsichtlich des Medikationsplanes gab es auch, weil die Kommunikation zwischen den Heilberuflern im derzeitigen Konstrukt nicht vorgesehen ist. So ist es möglich, dass ein Patient bei mehreren Ärzten verschiedene Medikationspläne erhält. Die hkk-Umfrage bestätigt: 43 Prozent aller Befragten mit Medikationsplan wurden nicht darauf hingewiesen, den Plan auch zum Besuch anderer Ärzte mitzunehmen und gegebenenfalls ergänzen zu lassen. Und: 32,5 Prozent der Befragten, die auch von anderen Ärzten als dem Ersteller des Medikationsplans Medikamente verordnet bekamen, wurden nicht nach dem Dokument gefragt. Sofern der Medikationsplan bei diesen Arztkontakten eine Rolle spielte, wurde dieser bei 14,3 Prozent der befragten Patienten im Fall von Neuverordnungen nicht ergänzt.

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