Praxisalltag

Verordnungen: Kassen machen Druck auf Ärzte

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Der Arzt selbst ist und bleibt in seiner Entscheidung frei, ob er – etwa unter dem Gesichtspunkt der Compliance oder der therapeutischen Kontinuität – den Austausch eines zu verordnenden Arzneimittels untersagt. Doch diese Freiheit versuchen manche Krankenkassen mit subtilen und fragwürdigen Methoden einzuschränken, indem sie mit speziellen Arzneimittelberatungen Ärzte unter Druck zu setzen versuchen, berichtet die Ärzte Zeitung (24.07.2015).

So wertet laut Ärzte Zeitung beispielsweise die AOK Niedersachsen arztbezogen die jeweilige „Rabattumsetzungsquote“ aus und nimmt sich dabei jeden Arzt „zur Brust“, der eine angeblich zu niedrige Quote erreicht. Damit die „Beratung“ ihren Schreckeffekt beim betreffenden Arzt erzielt, muss dessen Abweichung vom angeblich typischen Verhalten seiner Fachgruppe möglichst groß ausfallen.

Im konkreten Fall liegt der Ärzte Zeitung ein Beispiel vor, wonach der geprüfte Arzt eine Rabattumsetzungsquote von knapp 20 Prozent erreicht hatte, die Fachgruppe jedoch nahezu 90 Prozent. Dieser krasse Unterschied sei jedoch Folge eines statistischen Tricks, den die Kasse anwendet und der aus dem Kleingedruckten hervorgeht. Denn beim Vergleich zugrunde gelegt wurde nicht das durchschnittliche Verordnungsverhalten der gesamten Fachgruppe, sondern nur das oberste Viertel der Ärzte, die am häufigsten die Substitution zuließen, d. h. von denen die wenigsten Aut-idem-Kreuze gemacht wurden. Eine weitere Einschränkung wurde vorgenommen, indem die die Kasse die Vergleichsgruppe auf solche Ärzte beschränkt wurde, die eine Mindestmenge von Verordnungen erreichen, so die Ärzte Zeitung.

Weiterer Fall: Die Ersatzkassen forderten jüngst die niedergelassenen Ärzte in NRW auf, bei der Verordnung von Arzneimitteln, die in der Apotheke nicht ausgetauscht werden dürfen, die Rabattverträge der Kassen zu beachten (vgl. Ärzte Zeitung 31.07.2015). Hintergrund: Laut GBA-Beschluss besteht seit Dezember 2014 für acht Wirkstoffe ein gesetzliches Austauschverbot in der Apotheke. In diesen Fällen muss der Präparatename statt des Wirkstoffs auf der Verordnung stehen, oder der Arzt muss neben dem Wirkstoff auch den Hersteller notieren.

Die Ersatzkassen meinen aber: Die Sicherstellung einer wirtschaftlichen Verordnungsweise könne nur durch die direkte Verordnung von Rabattarzneimitteln erfolgen, so in ihrem Schreiben an die Ärzte. Diesem ist eine Auflistung der Rabattverträge der einzelnen Krankenkassen mit den jeweiligen Laufzeiten beigefügt. Eine vollständige Auflistung der Rabattvertragsarzneimittel fänden die Ärzte, so der Brief, auf den Internetseiten der Kassen oder in ihrer Praxissoftware, teilten die Kassen mit. Die KV Nordrhein kontert: Das bedeute einen erheblichen Mehraufwand für die Ärzte. Es sei im Praxisalltag nicht leistbar, sich bei einer Vielzahl von Verordnungen durch Papierlisten zu wühlen oder Recherchen auf den Internetseiten der Kassen zu betreiben, um deren Rabattwünsche zu erfüllen, betonte KV-Vorsitzender Dr. Peter Potthoff (Bad Honnef)  in der Mitgliederzeitschrift „KVNo aktuell“.

PERSPECTIV meint: Der Rabatt hat seine Schuldigkeit getan. Die erwünschten Kostenreduktionen für das Gesundheitssystem konnten deshalb realisiert werden, weil Generika ihre Bestimmung als preiswerte und verlässliche Alternativen voll erfüllen. Ein weiteres Verfolgen der Geiz-ist-geil-Methodik gefährdet die Qualität und die Sicherheit der Versorgung. Kehren wir zurück zu einem Klima des Vertrauens. Ärzte sind souveräne Leistungsträger und gewohnt, verantwortungsvoll wirtschaftlich angemessen zu verordnen!

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