Praxisalltag

„Zur ärztlichen Kunst zählt, empathisch auf den Patienten zuzugehen“

Gute Kommunikation und das Zeigen von Zuwendung zum Patienten rücken immer stärker ins Zentrum einer ärztlichen Behandlung.

© Sneksy – istockphoto.com

Stand einst an Deutschlands medizinischen Hochschulen ausschließlich die fachliche Expertise im Fokus der Ausbildung, führen bereits seit rund einem Jahrzehnt eine Reihe von Universitäten ihre Studierenden auch in die Arzt-Patienten-Kommunikation ein. Das ist zum Beispiel in Hannover, Berlin, Hamburg, Heidelberg, Freiburg, Düsseldorf, Ulm und Dresden der Fall. In deren Profilen für das Medizinstudium ist festgelegt, was die Studierenden für das möglichst optimale Gespräch mit künftigen Patienten lernen sollen. Denn gerade bei niederschmetternden Diagnosen benötigen Ärzte nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern eine erhebliche kommunikative Kompetenz.

„Nur über den verbalen Austausch können die Mediziner wirklich herausfinden, wie das Befinden eines Patienten ist und was mögliche Ursachen seiner Erkrankung sind“, so Prof. Dr. Jana Jünger von der Medizinischen Fakultät des Uniklinikums Heidelberg, die das baden-württembergische Kompetenzzentrum für Prüfungen in der Medizin leitet. „Fachwissen allein genügt nicht, um Patienten gut zu versorgen.“ Gerade bei schlimmen Diagnosen wie zum Beispiel bei jungen Tumorpatienten sei sie früher selbst, so Prof. Jünger, gesprächsungeübt schnell an ihre Grenzen gekommen.

Zur Ausbildung gehört deshalb, dass die Absolventen in der Lage sind, mit Patienten und deren Angehörigen, zumal bei Gesprächen mit belastendem Inhalt, in angemessen respektvoller Weise und in verständlicher Sprache sprechen. „Diejenigen, die Psychotherapeuten werden, haben die Empathie schon ein wenig im Blut, doch auch anderen Medizinstudierenden lässt sich die Zuwendung zum Patienten antrainieren“, sagt Prof. Dr. Dr. Martin Härter, Direktor der Instituts und der Poliklinik für Medizinische Psychologie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, auf Frage von PERSPECTIV. „Es ist Teil der ärztlichen Kunst, empathisch auf den Patienten zu wirken und auf ihn zuzugehen.“

Prof. Härters Institut ist für die kommunikative Ausbildung der Medizinstudierenden zuständig. Unterrichtet werden, und zwar vom ersten bis zum neunten Semester, etliche Komplexe, die für die Arzt-Patienten-Beziehung wichtig sind. Dabei müssen auch schwierige Gesprächssituationen gemeistert werden. Dabei werden oft Simulationspatienten eingesetzt. Insgesamt sind drei Prüfungen abzulegen. Denn, so Prof. Härter, „wir möchten die Gesprächsfähigkeiten, die wir den Studierenden beigebracht haben, auch sehen“. 

So stehen beim Erlernen einer optimalen Gesprächsführung bestimmte Frage- und Antworttechniken sowie das Hineinfühlen in die Lage des Patienten im Zentrum. Das wird auch an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bereits seit 2005 im Modellstudiengang „HannibaL“ ebenfalls mit Simulationspatienten geübt, sagte Prof. Dr. Ingo Just, Studiendekan für Medizin und Bachelor/Masterstudiengänge an der MHH gegenüber PERSPECTIV. Auch dort müssen die Studierenden ihre Kommunikations-Kompetenzen in einer mündlich praktischen Prüfung (OSCE) nachweisen.

Erfahrungsgemäß halten sich viele Patienten nur dann an ärztliche Empfehlungen, wenn sie diesen vertrauen. Die Qualität des Arzt-Patienten-Gesprächs hat somit entscheidenden Einfluss auf den Therapieerfolg. Dieses Ziel zu erreichen, ist vor allem auch eine Zeitfrage, denn in wenigen Minuten ist es schwierig, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Deshalb wird in den kommunikativen Ausbildungselementen an den medizinischen Fakultäten trainiert, wie diese relativ knappe Zeit am besten genutzt werden kann. Wie dann die gute, vertrauensvolle Arzt-Patient-Kommunikation gelingen kann, haben inzwischen mehrere Fakultäten in Ausbildungskatalogen mit Best-Practice-Beispielen verankert. So wurde das Mustercurriculum für Arzt-Patienten-Kommunikation im Projekt „Kommunikative Kompetenzen von Ärztinnen und Ärzten in der Onkologie“ erarbeitet, das kürzlich auf einer Fachtagung (Thema: „Nationales longitudinales Mustercurriculum Kommunikation in der Medizin“) in Heidelberg vorgestellt und diskutiert wurde. An diesem Ausbildungsprojekt sind alle 37 medizinischen Fakultäten in Deutschland und Medizinische Fachgesellschaften beteiligt. Die Konferenz schloss mit der „Heidelberger Erklärung“. Darin kündigen die Beteiligten, sich bundesweit für eine Förderung der kommunikativen Kompetenzen in der ärztlichen Ausbildung einzusetzen. Das soll in Kooperation mit den Berufsgruppen der Pflege und den anderen Gesundheitsberufen erfolgen.

Prof. Rudolf Korinthenberg

Prof. Rudolf Korinthenberg

Auf PERSPECTIV-Fragen erläuterte als Mitunterzeichner Prof. Rudolf Korinthenberg, Studiendekan Humanmedizin und ärztlicher Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum in Freiburg das Ergebnis: „Es handelt sich um die Absichtserklärung, einen gemeinsamen Lernzielkatalog und ein Mustercurriculum zu entwerfen, und nicht bereits um die feste Implementierung eines überregional identischen, festgeschriebenen Lehrplans der ärztlichen Kommunikation mit Patienten in das medizinische Studium“. Das gemeinsame Ziel soll, so Prof. Korinthenberg, „an verschiedenen Standorten auf individuellen Wegen erreicht werden“.

Die meisten Fakultäten bereits auf einem guten Weg

Die Unterrichtssegmente im Arzt-Patient-Verhältnis verteilen sich auf verschiedene Phasen der Ausbildung. Bis auf das dritte und vierte Semester sind nach Angaben von Prof. Korinthenberg in allen Semestern des Freiburger Medizinstudiums kommunikative Ausbildungsschritte verankert, beginnend im ersten vorklinischen Fachsemester. „In allen klinischen Disziplinen ist die ärztliche Kommunikation von zentraler Bedeutung“, sagte Prof. Korinthenberg auf die Frage, in welchen medizinischen Bereichen ärztliche Kommunikations-Kompetenzen und Empathie-Fähigkeiten besonders gefragt und erforderlich sind. In Freiburg z. B. seien bezogen auf das aktuelle Curriculum vor allem diese Fächer beteiligt: Medizinische Psychologie, Psychosomatik, Psychiatrie, Allgemeinmedizin, Notfallmedizin, Palliativmedizin, Naturheilverfahren, Geriatrie, Innere Medizin, Kinderheilkunde, Chirurgie (in Planung), Dermatologie und Anästhesiologie.

Ähnlich an der MH Hannover. Hier sind laut Prof. Ingo Just die kommunikativen Ausbildungsschritte im dritten Semester verankert, wobei der Unterricht mit Prüfung zur Famulaturreife gehört. „Die Studierenden werden aber bereits im ersten Semester in sogenannten Propädeutikums-Wochen an die Patientenkommunikation herangeführt, hier insbesondere an die Anamneseerhebung“. Im Verlauf des ersten Studienjahrs (erstes und zweites Semester), so Just, „haben sie bei der klinischen Visite in Kleingruppen Kontakt mit Patienten“. Im vierten Semester findet die theoretische Untermauerung der Kommunikation statt, gefolgt von dem Praxistraining mit Schauspielpatienten und Video-Feedback. Prof. Just: „Eine einfühlsame, kompetente Gesprächsführung ist in jedem klinischen Fach notwendig. Nicht nur Krebserkrankungen sind für Patienten sehr belastend und einschneidend. Etliche andere Erkrankungen haben zum Teil eine schlechtere Prognose als Krebs sowie auch das Äußerliche verändernde Eingriffe werden als sehr belastend erlebt“.

Gleichfalls kommt an der Uni Ulm der Ausbildung in Kommunikation eine besondere Bedeutung zu. Prof. Dr. Tobias Böckers, Studiendekan Medizin: „Wir machen nicht nur Trockenübungen, also Seminare, in denen wir die Theorie vermitteln, sondern unterstützen das durch praktische Übungen.“ Auch in Ulm gehören dazu Kurse im Anamnesegespräch und Veranstaltungen mit „künstlichen“ Patienten. Das sind speziell geschulte Laienschauspieler, die bestimmte Krankenrollen simulieren. So können die Studierenden in einer möglichst authentischen Situation Gesprächsführung und Untersuchungstechniken üben. -ari

Für weiterführende Informationen empfehlen wir:
http://www.vfa-patientenportal.de/patienten-und-eigenkompetenz/mit-dem-arzt-im-gespraech/das-arzt-patienten-gespraech.html
https://www.mh-hannover.de/15561.html  (Inf0s zum Modellstudiengang HannibaL)
http://www.forschung-patientenorientierung.de/index.php/home/einleitung.html
http://www.patient-als-partner.de/

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